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Shenzhen

“Look left. Look light. Smile. Less smile. More smile. No so much. Diffelent smile please.”Die zwölf Chinesen, die um mich herumwuseln, sind nicht zufrieden mit meinem Lächeln. Das merkt man, auch wenn man kein chinesisch spricht. Sie lächeln zwar betont freundlich, aber ihre Augen sprechen eine andere Sprache. Ich bin wohl etwas anders, als erwartet. Das gilt umgekehrt genauso. Alles anders hier. Wir befinden uns in 338 Meter Höhe, im Penthouse des exklusivsten Wolkenkratzers von Shenzhen, an der Südspitze von China.

Äktschn

Das Nobel-Apartment kostet 8.000 Euro Miete im Monat. Genauso viel wie der Flatscreen an der Wohnzimmerwand, den es zu bewerben gilt. Ich bin als Model gebucht und soll in einem Werbespot den erfolgreichen Dandy geben, dem angesichts all des Luxus ein breites Grinsen ins Gesicht geschrieben steht. Nur wie breit das sein soll, darüber sind wir uns nicht ganz einig. Meine Bookerin Fiona hat Mühe mir zu übersetzen, was die anderen ihr auftragen. Nachdem ich ihnen ein halbes Dutzend unbefriedigende Lächeln angeboten habe, zeigt mir schließlich einer auf seinem iPhone eine kleine Filmsequenz, in der Matthew McConaugheyein Grinsen raushaut, bei dem wahrscheinlich Millionen von Frauen weiche Knie bekommen. Like this you do. Ok, ich soll also wie Matthew grinsen. Sagt das doch gleich, Leute. Damit kann ich was anfangen. Oder auch nicht. Noch bevor die Dolmetscherin mir nach der nächsten Einstellung den fünfminütigen Dialog mit dem Kameramann kurz und knapp übersetzt – diffelent please– habe ich schon kapiert, dass ich ihnen nicht genug Matthew war. Freundliche Enttäuschung in ihren Gesichtern. Wieder kommt einer mit seinem iPhone. Diesmal bekomme ich einen verschmitzt lächelnden Ryan Gosling zu sehen. Like this you do.Ok, dann halt Ryan Gosling. Der Beau ist offensichtlich zweite Wahl in China. Für mich aber immer noch große Fußstapfen. Ich gebe alles, aber wieder bin ich ihnen nicht genug Ryan. Es wird diskutiert und gestikuliert. Schließlich bekomme ich Jeff Bridges in „The Big Lebwoski“ vorgeführt.Soll er halt den Dude geben, der deutsche Gruftie, wenn er die anderen nicht draufhat. 

The Dude

Der Gesichtsausdruck des Regisseurs spricht Bände. Diesmal enttäusche ich nicht. Den Dude habe ich so oft gesehen, da sitzt jede Geste, den könnte ich sogar mit Text abliefern. Uff, Glück gehabt, dass ich meinen ersten chinesischen Kunden doch noch zufrieden stellen konnte. Also ein wenig zumindest. Er lächelt nachsichtig. Ich auch. You get what you pay. Für Hollywoodstars hätte er an meine Gage noch zwei Nullen dranhängen müssen. 

Director & Team

Darauf hatte der Scout, der mich vor zehn Jahren auf dem Münchner Marienplatz angesprochen hatte, nicht vorbereitet. Dass man als Model mal eben so Hollywood-Stars doubeln muss, hatte Astrid nicht erwähnt. Sie meinte nur, dass ich ein guter Typ im richtigen Alter sei und mit meinem kernigen Gesicht sicher ganz gut als Model arbeiten könnte. Als sogenannter BESTAGER, weil im besten Alter und so. Eigentlich bin ich als freier Journalist tätig, aber das beißt sich ja nicht, im Gegenteil, in meiner unsteten Branche sind ein paar extra Einkünfte immer willkommen, so dass es nicht viel Überredungskunst brauchte, um mich darauf einzulassen. Astrid hatte recht behalten. Im Laufe der Zeit hatten sich die Model-Jobs zu einem lukrativen zweiten Standbein entwickelt. Von Motorrädern, über Brillen, Autos, Banken, Versicherungen, Rasenmähern, Tortellini bis hin zu Ofenrohren, kaum ein Produkt, für das ich meine Visage nicht in die Kamera gehalten hatte. Auch ein paar schöne Orte hatte ich bereist, in Spanien, USA und Kapstadt gearbeitet, bis ich schließlich über China gestolpert war.

Eine deutsche Agentur hatte mich – um meine Abenteuerlust wissend – auf dem asiatischen Markt angeboten und sehr euphorisches Feedback aus Peking bekommen. Modern Model, der hiesige Marktführer, war begeistert von meiner Bewerbung und prognostizierte mir rosige Zeiten. Die chinesischen Gagen seien zwar etwas niedriger als in Europa und die Agenturprovisionen dafür höher – nicht umsonst boomt die hiesige Marktwirtschaft angesichts solcher Logik – aber dafür gäbe es viel mehr Jobs. Wahrscheinlich würde ich der der einzige europäische Bestager in ganz Peking sein, erklärte sie mir. Das würde sich zwangsläufig bezahlt machen. Sag uns, was du brauchst, wir organisieren alles für dich. Visa, Flug, Wohnung, Fahrer, Taschengeld. Das klang vielversprechend. Nachdem ich im Kollegenkreis vergebens nach chinesischen Erfahrungsberichten gesucht hatte, hatte ich einfach zugesagt, auch wenn ich überhaupt keine Ahnung hatte, auf was ich mich da einlassen würde. Einzige Vorsichtsmaßnahme: Ich ließ “NO NUDE” in meinem Vertrag schriftlich festhalten. Man weiß ja nie. Andere Länder andere Sitten und so.

2 Kommentare

  1. Luca Luca

    Beim nächsten Shooting macht du dann bitte den Clooney 😅😅! Wenn du den gut trainierst kannst du den Clooney später daheim gut verkaufen 😜

  2. Caro Caro

    hey dude!schön von dir zu lesen 🙂
    und weiterhin viele interessate Momente bei ‚lost in translation‘

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