Zum Inhalt springen

Bangkok

„You real girl? You no lady boy?” Die vier Whisky-Cola scheinen Wirkung zu zeigen bei dem fröhlichen Herrn in der Reihe hinter mir. Die freundliche Stewardess lächelt nachsichtig und bringt ihm seinen fünften Drink, der den Gebrauchtwagenhändler dann – gegen 14.30 Uhr – endgültig zur Hochform auflaufen lässt. „You come holiday with me? Show me country. I pay you.” Die Flugbegleiterin lächelt wieder darüber hinweg als sei nichts gewesen. Wahrscheinlich ist sie es gewohnt, solche Gestalten von Deutschland nach Thailand zu karren. Womöglich zahlt Singapur Airlines seinen Mitarbeitern Schmerzensgeld für diese Route, eine Art Idioten-Bonus. Vielleicht entspricht es aber auch nur dem asiatischen Naturell der Flugbegleiterin, liebevoll mit Behinderten umzugehen.

Aber egal wie oder was, ich schäme mich ein wenig, wenn ich mich unter meinen Mitreisenden umschaue. Die Maschine ist nur zu dreißig Prozent belegt – ja, ich Depp hätte nicht für viel Geld Plätze am Notausgang buchen müssen – und es sind fast ausschließlich Männer. Männer, denen der Sabber aus dem Mund tropft, weil sie schon seit Pandemiebeginn nicht mehr flachgelegt wurden. Aber das wird sich jetzt ändern, denn in Thailand darf endlich wieder gefickt werden. Zumindest mit Impfausweis und Maske. Kondome sind Verhandlungssache. Masken nicht. Es gilt Maskenpflicht im ganzen Land.

Das Klischee ist omnipräsent

Remote Office Bangkok

In Ermangelung von Alternativen und da mein geliebtes China seine Grenzen noch immer geschlossen hält, hatte ich kurzerhand beschlossen mein Homeoffice nach Bangkok zu verlegen. Für meine journalistische Arbeit ist mein Standort seit Pandemiebeginn ohne Bedeutung. Eine Modelagentur, die versprach mir Castings zu besorgen, hatte ich auch schnell gefunden. Also warum nicht?

Der Sündenpfuhl Asiens

Gut, der Hinflug hatte mich an meiner Entscheidung nochmal kurz zweifeln lassen. Thailand ist der Ballermann oder auch das Babylon Asiens. Ficken, saufen, fressen und dabei weiße Socken tragen. Niemals wäre ich Friedenszeiten auf die Idee gekommen nach Thailand zu reisen. Aber gut, es herrscht Krieg – es werden Grundrechte ausgehebelt, Kinder misshandelt, Berufsverbote verhängt, Spaziergänger mit Tränengas eingesprüht und Atomenergie als grün eingestuft – da gilt es Kompromisse einzugehen. Und hey, Mallorca ist ja auch mehr als nur der Ballermann. Also warum diesem Land nicht mal eine Chance geben?

Drive In-Testing nach der Ankunft in Bangkok

Quarantäne Light.

Nachdem ich im Vorfeld in einem mehrstündigen Online-Marathon eine Unzahl an Dokumenten in unzählige Antragsformulare hochgeladen hatte, ward mir binnen weniger Minuten ein Thai Pass ausgestellt, mit dem ich quasi ungehindert ins Land spazierte. Ok, einmal mit einem Quarantäne-Taxi zum Drive In PCR-Testing, dann ins Hotel, wo ich die 24-stündige Quarantäne durch Zahlung einer Express-Gebühr von 1.700 Baht (45 Euro) auf drei Stunden verkürzte. Fünf Stunden nach Landung in Bangkok lag ich auf einer Luftmatratze im Pool des W Hotels mit einem eisgekühlten Singha in der Hand. Ja, Thailand macht es einem Faranga (Thai für Ausländer) leicht, es gern zu haben. Und um es gleich vorwegzunehmen: Thailand ist natürlich weit mehr als nur ein großes Puff.

Sie lächeln selbst in Zeiten der Not.

Die Thais sind alle UNGLAUBLICH freundlich. Und das, obgleich sie allen Grund hätten, schlecht gelaunt zu sein. Die Pandemie hat das Land wirtschaftlich hart getroffen. Mit 2,25 Millionen Infizierten und 21.800 Toten ist Thailand zwar vergleichsweise gut weggekommen (das gleich große Frankreich hat 11,3 Mio. Infizierte und 123.000 Tote vorzuweisen), aber es gab einen langen und knallharten Lockdown, in dem kein Geld verdient wurde. Lokale, Geschäfte, Märkte, Garküchen, Einkaufszentren, ja selbst der Bangkoker Floating Market – alles dicht. Staatliche Hilfspakete gab es nicht. Der König, der reichste Monarch der Welt, gibt sowieso nichts ab. Ja, er zahlt nicht mal seine Steuern im deutschen Exil. Man ist wütend auf ihn, tut das aber nur hinter vorgehaltener Hand kund, denn auf Majestätsbeleidigung steht Gefängnisstrafe.

Weihnachten findet in dem buddhistischen Land zwar offiziell nicht statt, wird aber trotzdem sehr aufwendig und liebevoll inszeniert.

Geschlechtsumwandlung zu Discountpreisen.

Auch jetzt noch sind viele der Geschäfte geschlossen, weil sie das Ganze nicht überlebt haben. Zumal die Touristen ausbleiben. Es fehlten allein zum Jahreswechsel 2,5 Mio. Chinesen. Die dürften zwar einreisen, tun es aber nicht, weil sie bei der Rückreise drei Wochen Quarantäne in Kauf nehmen müssten. In Folge sind die Preise am Boden. Nie konnte man sich im Mekka der plastischen Chirurgie kostengünstiger den Penis verlängern oder auch abschneiden lassen. Discounts und Promotions locken überall. Buy one get two. Im Kleinen wie im Großen. Ich habe so viel Klopapier Zuhause, ich könnte locker jeden Lockdown aussitzen.

Wohnen in Bangkok

Boxen mit den Klitschkos.

Auch die Mieten waren nie günstiger. Ich zahle monatlich 400 Euro für ein 35 qm Apartment in einer schönen Siedlung in bester Lage. Fitnessstudio, Pool, Security und Fahrservice inklusive. Ich habe ein paar nette Damen in der Nachbarschaft gefunden, die mich mittags für vier Euro bekochen. Für fünf Euro bekomme ich danach nebenan eine einstündige Massage.Die Massagen brauche ich, um meinen Muskelkater zu lindern, denn ich habe Muay Thai für mich entdeckt. Ich bin rein zufällig in den besten Fight Club der Stadt reinspaziert und trainiere jetzt unverhofft mit dem amtierenden asiatischen WBC-Champion und zwei Thai Box-Titelträgern, die mir für 90 Minuten Sparring zwölf Euro in Rechnung stellen. Somit meine teuersten Fixkosten. Trotzdem Peanuts. Das ist in etwa so, als ob mich Zuhause die Klitschko-Brüder für 100 Euro die Stunde trainieren würden. Bisher das spannendste Abenteuer, das mir hier widerfahren ist.

https://www.bangkokfightlab.com

Masken gegen Luftverschmutzung.

Trotzdem ist Bangkok kein Spaziergang. Es ist laut, hektisch und furchtbar schmutzig. Für einen naturverbundenen Menschen, der seit Pandemiebeginn außer Tirol nichts gesehen hat, ist das mitunter sehr herausfordernd. Im Gegensatz zu China darf man hier immer noch ungeniert Moped fahren. Mit E-Mobilität haben sie nicht viel am Hut, im Gegenteil, wer sich es leisten kann, lässt sein Auto gerne tunen. Es gilt: Desto mehr Krawall die Kiste macht, desto besser. Der Highway vor meiner Haustür wird jede Nacht zur Formel-1-Rennstrecke umfunktioniert. Die Masken machen angesichts der Luftverschmutzung daher womöglich sogar Sinn. 

Man hält sich blind an Regeln.

Über die Maskenpolitik – es gilt immer und überall Maskenpflicht, wobei qualitativ keinerlei Vorgaben bestehen – regt sich hier keiner auf. Sinnig oder unsinnig? Egal. Ist halt so. Scheint Teil der hiesigen Mentalität zu sein, dass man sich nicht aufregt oder widerspricht. Man soll sich boostern lassen? Klar, dann machen wir das. Auf die Dreifachimpfung sind sie mitunter sogar stolz. Fotografen schicken mir unaufgefordert ihre Booster-Atteste bevor wir uns treffen. Mit uns sind sie sicher, Sir!

Heiligabend bei Jay Fai. Ihr "Crab Omelet" wurde von Michelin mit einem Stern geehrt und kostet daher 20 Euro. Viel Geld hierzulande, aber dafür kann man mit etwas Glück Russel Crowe antreffen.

Impfpflicht gibt es selbst hier nicht.

Die jungen Damen mit denen ein paar Kumpels und ich zusammen Weihnachten im Oscars, einem lokalen Party-Hotspot in der Soi 11, feierten, hatten uns noch belächelt, weil wir nur zweimal geimpft waren. Die dritte Impfung scheint in manchen Kreisen wohl auch eine Art Statussymbol zu sein. Schaut her, ich kann es mir leisten. Hat trotzdem nichts geholfen. Unsere Weihnachtsengel sind mittlerweile allesamt im Krankenhaus. Covid positiv.

Ja, Omikron schlägt um sich, wenn auch nur mit Wattebällchen, denn keiner erleidet wirklich Schlimmes, aber es ist nicht zu stoppen, auch nicht durch eine Booster-Impfung. Aber gut, die Lügenpropaganda der Pharmaindustrie funktioniert hierzulande genauso gut wie bei uns. Eine Impfpflicht gibt es jedoch nicht – so etwas ist westlichen Diktaturen vorbehalten.

Die notgeilen Farangs verbreiten das Virus.

In Konsequenz steht Bangkok schon wieder kurz vor dem Lockdown. Die Einreisebestimmungen wurden erneut verschärft. Alkohol darf nur noch in manchen Regionen ausgeschenkt werden und wenn dann auch nur bis 21 Uhr. Die Party-Meilen der Stadt hatten sich natürlich als größte Virenschleudern bewiesen. Die notgeilen Farangas sind schuld. Sechs von ihnen werden aktuell per Steckbrief gesucht, da sie aus der Quarantäne geflüchtet sind – die Krankenschwestern waren ihnen wohl nicht scharf genug gewesen. 

Der Tourismusminister wünscht sich daher für sein Land zukünftig einen „exklusiveren Tourismus“, wie er gerade in einem TV-Interview verlauten ließ. Warum nicht gleich auch noch weiße Weihnachten und die nächste Winterolympiade? Seine Aussage brachten ihm viel Spott in den sozialen Medien ein. Man ist froh, um jeden Touri, der kommt. Normal sind es über 40 Millionen im Jahr. Aktuell sollen gerade mal 400.000 im Land sein. Trotzdem waren unter den heute morgen vermeldeten 7.420 Neuinfektionen, über 1.000 Ausländer zu finden. Angesichts von 70 Millionen Einwohnern sagt das dann doch einiges über die Kontaktfreudigkeit der Reisenden aus.

Angeblich verleitet Bangkok dazu, seine düstere Seite auszuleben.

„Bangkok ist ein Ort, an dem man gerne falsche Entscheidungen trifft.“

„Bangkok ist, wie Las Vegas, ein Ort, an dem man falsche Entscheidungen trifft“, brachte es Hangover-Produzent Todd Phillips einst auf den Punkt. Sein Credo ist seit 2013 eine stadtbekannte Entschuldigung, um die Sau rauszulassen. Angeblich ist hier noch jeder ins Straucheln gekommen. Ich konnte mich dem auch nicht gänzlich entziehen und war nach langjähriger Club-Abstinenz über die Weihnachtstage auch mal wieder um die Häuser gezogen. Auch wenn offiziell alles um 23 Uhr schließen musste, so bedeutet das in einer Stadt wie Bangkok gar nichts. Money rules. Hinter verschlossenen Türen, geht trotzdem die Post ab. Und sei es in der Villa der Tochter des Polizeipräsidenten. Wer weiß, was Papi gesagt hätte, wenn er gesehen hätte, was auf ihrer Christmas-Afterhour so alles an berauschenden Substanzen konsumiert wurde.

„Wir machen einen Tiger aus dir!“

Ja, in Bangkok scheint alles möglich. Auch, dass ein Yogi plötzlich das Boxen anfängt. Wobei die mentalen Botschaften meiner Trainer bei mir mehr fruchten als die technischen. Erste Lektion: „Bewege dich wie ein Tiger, nicht wie ein Affe!“ Zweite Lektion: „Niemals zurück, immer nach vorn!“ Dritte Lektion: „Sabai sabai – entspann dich!“ Ein paar Monate Training mit ihnen und man wird mir angeblich auf der Straße ansehen, dass ich ein gefährlicher Tiger bin, meinen sie. Ich habe meine Zweifel. Aber gut, in Bangkok soll ja alles möglich sein. Und wenn aus mir nur ein Schmusetiger werden sollte, dann kann ich damit auch leben. Sabai sabai…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.