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Beijing

Beijing-Mantra: Mehr ist mehr!

Meine Sorge, dass ich im Adamskostüm Werbung für Reisschüsseln machen müsste, war unbegründet. Allein die Fahrt vom Flughafen ins Stadtzentrum Beijings beschämte mich, ob meiner rassistischen Phantasien, dass ich es hier mit Hinterwäldlern zu tun haben könnte. So viele Luxuslimousinen bekommt selbst ein Münchner sonst nie zu sehen.

Deutsche Markenwägen, mit deutlich sechsstelligem Anschaffungspreis, dominieren das Straßenbild. Gefühlt ist jedes zweite Auto ein Porsche Cayenne, dazwischen ein paar Maserati, Lamborghini, Teslas und Bentleys, nach denen sich hier niemand umdreht.

China ist eine Weltmacht. Die Wirtschaft boomt. Die wissen, wie es zu laufen hat. Auch in der Werbung. Die Topstars der Branche, wie Kendall Jenner, sind auf Werbeplakaten omnipräsent. Man orientiert sich am Weltmarkt. Kein Luxus-Label, das hier nicht vertreten wäre. 

Ich hatte kaum Zeit meine Koffer auszupacken, denn auf mich wartete bereits besagter Drehtermin in Shenzhen. Shenzhen liegt knappe drei Flugstunden südlich von Beijing, an der Küste zu Hong Kong. Flug war gebucht, Hotel auch. Ich sollte nur eigenständig zum Flughafen fahren, einchecken, und vor Ort zum Hotel und am nächsten Morgen zum Drehort. NUR. Klingt simple. Ist es aber leider nicht, wenn man kein chinesisch spricht. Von den 22 Mio. Einwohnern Pekings sprechen nämlich gefühlt vielleicht 22.000 Englisch. Dazu gehören weder Taxifahrer, noch Flughafenpersonal. Ein Riesenabenteuer. Ohne WeChat nicht zu bewerkstelligen.

So wie in diesem Land eigentlich gar nichts läuft ohne WeChat. WeChat ist die hiesige Variante von WhatsApp, die nicht nur als Kommunikationsmittel, sondern auch zur Navigation, zum Taxibestellen, als Zahlmittel und vieles mehr dient. Meine Agentur hatte mir Standorte und Flugtickets auf meine WeChat-Konto geschickt, die ich dann bei Bedarf abrufen konnte. Also rein ins Taxi, dem Fahrer den Standort zeigen und ab zum Flughafen. Wortlos. Checkin Flughafen und Bordservice im Flieger genauso. Als ich fünf Stunden später erschöpft ins Hotelbett falle, hatte ich tatsächlich den ganzen Trip bewerkstelligt, ohne mich auch nur einmal artikulieren zu müssen. Herrliche digitale Welt. Ohne Smartphone geht in China gar nichts.  

Boomtown Shenzhen

Kein Wunder, dass der, in Shenzhen ansässige Telekommunikationskonzern Huawei (50 Mrd. Dollar Jahresumsatz) dabei ist, Weltmarktführer zu werden, stehen dem Konzern doch eine Milliarde Smartphone-süchtige Testimonials zur Marktforschung zur Verfügung. Nix Neulandund so. Die 13 Mio. Stadt setzt voll auf Technik-Boom. Mit Erfolg. Nirgends in China ist das Pro Kopf Einkommen höher als in der Planstadt. Von hier aus wird die Welt erobert. Nicht zuletzt dank meiner bescheidenen Hilfe. Denn mit meiner Visage kann man Luxusgüter verkaufen. Seit langem habe ich aufgegeben an Castings für Bausparverträge und freundliche Familienväter teilzunehmen. Klappt eh nicht. Ich sehe einfach zu posh aus, wie meine Booker Zuhause zu sagen pflegen. Den netten Daddy von nebenan kauft mir keiner ab. Den Porschefahrer, Broker, Yachtbesitzer oder Penthouse-Bewohner sehr wohl. Mein erster Kunde, Skyworth TV, war offensichtlich ganz zufrieden mit dem Ergebnis. Sie fanden die deutsche Jeff Bridges-Kopie so gut, dass sie zwei Wochen nach dem Shooting die weltweiten Bildrechte kauften.

Derlei Jobs sind Zuhause etwas dünner gesäht. In China hingegen war ich womöglich am richtigen Ort gelandet. Hier zeigt man gerne, was man erreicht hat. Hier könnte ich einfach ICH sein: Armin, die Luxusschlampe.


Ein Kommentar

  1. Markus Badde Markus Badde

    Super stories Armin, please keep them coming. Informativ, sehr gut gesehen und auch sehr gut geschrieben, mit Stil und Humor. Machst Du das beruflich eigentlich? Solltest Du!
    Markus

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