Corona tut gut

Netflix & Chill

Die Geschirrspülmaschine hat den Geist aufgegeben, die Waschmaschine funktioniert nicht mehr, die Toilette ist verstopft, den Bose-Subwoofer hat’s zerlegt, der Weinkeller ist leer und die Teflon-Beschichtung meiner Omelette-Bratpfanne ist nach zweiwöchigem Kochmarathon auch hinüber. Es gäbe somit genug Gründe sich aufzuregen. Trotzdem bleibe ich tiefenentspannt. Nicht, weil das typisch für mich wäre, nein, das Virus hat mich schlicht zu einer coolen Socke mutieren lassen. Was Therapeuten, Yoga- und Tantra-Lehrer nie wirklich geschafft haben, Corona hat es hinbekommen. Ich fühle mich wie Osho.

 

Im Osho-Modus

Ich sitze neben mir und schaue mir selber zu. Wie im Kino. Zeit zum Geschirr abwaschen hätte ich genug, wenn ich es für sinnvoll halten würde. Wozu brauche ich frische Wäsche, wenn ich eh niemand treffe? Wer braucht Toiletten, wenn es kein Klopapier gibt? Dass der fette Subwoofer-Bass wegfällt danken mir meine Nachbarn allemal. Dass die 20 Flaschen Domaines Ott Rosé aufgebraucht sind, die eigentlich für besondere Anlässe gedacht waren, ist zwar angesichts eines Flaschenpreises von 30 Euro etwas ärgerlich, aber gut, sie haben mir in der ersten Krisentagen, an denen ich schon mittags trank, gute Dienste geleistet. Ich habe bei Jacques‘ Wein-Depot mittlerweile einen Fünf-Liter-Kanister Rosé für 28,50 Euro erstanden, der mir plötzlich sogar noch besser schmeckt. Und da ich keine Gäste empfange, bekommt auch keiner mit, dass meine, sonst so kunstvoll gefüllten Omelette aussehen wie zusammengeschabte Grütze. So sitze ich textilfrei Zuhause, zwischen Stapeln von Geschirr, ernähre mich von Grütze, trinke Wein aus Kanistern und fühle mich pudelwohl. Danke, Corona!

Was ich in meinem Mikrokosmus erlebe, erfahre ich auch im Makrokosmus. Ob beim Einkaufen, im Umgang mit Ämtern, Banken, Versicherungen oder Nachbarn, im Großen und Ganzen, erlebe ich eine neue Form der Lässigkeit, Freundlichkeit und auch Nächstenliebe. Als ich mich vor ein paar Tagen im Rahmen einer AZ-Reportage mit den abgesagten Oberammergauer Passionsspielen beschäftigte, war ich zutiefst berührt ob der sanftmütigen Reaktionen meiner Gesprächspartner. Da der traditionelle Haar- und Bart-Erlass, der es den 1.800 Darstellern seit Aschermittwoch 2019 untersagte, sich zu rasieren, schlagartig aufgehoben war, war der Ansturm auf die zwei kleinen Friseursalons nicht zu bewältigen. So wurde kurzerhand so mancher Hobbygärtner zum Friseur umfunktioniert. Egal wie, Hauptsache weg mit der Mähne. Dass die nächsten Wochen ein paar Glatzen und Topffrisuren durch die Gemeinde laufen werden, juckt die Oberammergauer wenig.

Das letzte Abendmahl bei den Passionsspielen Oberammergau

450.000 Besucher aus aller Welt hatten sich angekündigt. Ein Drittel der 5.500 Einwohner-Gemeinde waren als Darsteller verpflichtet, ein Großteil der 42 Hauptdarsteller hatten sogar ihre Arbeitsverhältnisse und Ausbildungen aufgegeben oder sich unbezahlten Urlaub genommen. Die Darstellerverträge wurden unmittelbar nach der Absage der Spiele allesamt sofort gekündigt. Es gibt keine Ausfallhonorare. Weder für den Judas-Darsteller Cengiz Görür, 20, der sein Fachabitur deswegen abgebrochen hatte, noch für Eva Reiser, 35, sinnigerweise im Alltag ebenfalls in himmlischen Sphären unterwegs, die sich bei der Lufthansa ein halbes Jahr unbezahlten Urlaub genommen hatte, um die Mutter von Jesus zu spielen. Trotzdem jammern sie nicht, dass ausgerechnet die Passionsspiele, die einst aufgrund eines göttlichen Gelöbnisses zur Erlösung von der Pestilenz ins Leben gerufen wurden, jetzt von einer Pandemie ausgehebelt wurden. Sie sind trotz aller Enttäuschung, dankbar, dass, das Gelöbnis aus dem Jahr 1633 immer noch Wirkung zeigt: Es gibt bisher keinen einzigen Corona-Infizierten in der Gemeinde Oberammergau.

Da scheint einiges in die richtige Richtung zu laufen. Sogar Oliver Pocher, der sein Geld üblicherweise damit verdient, Menschen abzuwerten, mutiert Infektionsbedingt zum Moralapostel und darf seit neuestem ein paar Follower mit Abitur in seiner Fangemeinde begrüßen. Sein liebster Streitpartner, Boris Becker, tut auch was er kann. Boris postet täglich Videos auf Instagram, die ihn zeigen, wie er durch Londons Straßen wandelt und die Leute ermahnt Zuhause zu bleiben. Leider sieht Boris ganz und gar nicht gesund aus, sodass seine Warnrufe zumindest in seiner direkten Nachbarschaft ihre Wirkung nicht verfehlen dürften.

Sogar der Lieblingssender der AfD-Wähler hat Gutmenschen-Flagge gezeigt, indem sie Xavier Naidoo, wegen seines vermeintlich rechtspopulistischen Gedankenguts aus der Jury irgendeiner ihrer Singsang-Casting-Shows geschmissen haben. Wenn jetzt noch öffentlich wird, dass Ersatz-Juror Florian Silbereisen im letzten Jahr Musikvideos mit Viktor Orbans Busenfreundin Gloria von Thurn und Taxis gedreht hat, dürfte der Sender womöglich erneut in Zugzwang kommen. Vielleicht muss dann die Casting-Show, in der man sich gerne über die Träume von jungen Menschen lustig macht, komplett abgesetzt werden. Ja, Corona bringt auch Gutes mit sich.

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