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Der Gipfelstürmer

Das Jiuhua-Gebirge in der Provinz Anhui ist berühmt für seine schöne Landschaft.

Wir schreiben den 1. September 2019. Es ist 9:46 Uhr, die Außentemperatur beträgt 24 Grad, der Wind kommt mit 18 Stundenkilometern aus Nordost, der Luftdruck beträgt 872 hPa, ich befinde mich auf 1072 Metern über dem Meeresspiegel und habe demnach nur noch 268 Höhenmeter zu bewältigen, bis ich die Spitze des Mount Jiuhua erklommen habe. Das alles sagt mir meine neue Armbanduhr. Und da diese Made in China ist, sollte man ihrer Ortskunde vertrauen können.

Ich hatte sie ein paar Wochen zuvor auf dem Fake Market von Beijing erstanden. Nachdem ich unzählige Rolex-Verkäufer mit dem Argument abgewehrt hatte, dass ich nur Originale und keine Fälschungen trage, war einer von ihnen so schlau gewesen, mir eine echte chinesische Uhr anzubieten. Der Aufmachung ähnelte zwar einer japanischen G-Shock, aber deren Logo war nicht kopiert. Exponi sei eine eigenständige chinesische Marke, wie man mir versicherte. Also nicht Copied in China, sondern Made in China. Gut investierte 25 Euro wie ich befand, denn der imposante Hightech-Wecker wog fast nichts und konnte trotzdem fast alles.

Als Reinhold Messmer plötzlich im Stechschritt an mir vorbeizieht, zweifle ich jedoch an meinem neuen Spielzeug. Stimmt da was nicht mit meinem Höhenmesser? Hatte ich mich verlaufen? War ich am falschen Berg? Der buddhistische Tempelberg Mount Jiuhua, 450 Kilometer westlich von Shanghai, ist nur 1.342 Meter hoch und kann locker mit Turnschuhen bestiegen werden.

Reinhold Messmer ist bekannt unter chinesischen Bergsportlern.

Aber der junge Mann, der da an mir vorbeigestiefelt war, war ausgestattet, als hätte er deutlich höhere Ziele. Bis auf eine Sauerstoffflasche schien er alles dabei zu haben, was man brauchte, um einen 8000-er zu erklimmen. Auch schien er sich nicht für die malerische Landschaft und Tempel entlang der Strecke zu interessieren, denn er stürmte schnurstracks gen Gipfel, ohne dabei auch nur ein Foto zu machen.

Sehr ungewöhnlich, denn normal fotografieren Chinesen alles, sobald sie sich im Freizeitmodus befinden. „Genieß deinen Ausflug, hoffentlich kannst du viele Fotos machen“, hatten mir Shanghai-Freunde mit auf den Weg gegeben. Für die meisten Chinesen ist ein Ausflug oder Urlaub nur dann gut gewesen, wenn man viele Bilder gemacht hat. Die konservierte Erinnerung scheint ihnen wichtiger als der erlebte Augenblick.

Jiuhua Shan zählt zu den vier heiligen Bergen des chinesischen Buddhismus und beheimatet viele Tempel.

Peter ist beides egal. Peter hat nur das Morgen im Sinn. Sein Ziel ist es demnächst einen 4000er zu besteigen und das Jiuhua-Gebirge diente ihm nur als Trainingsgelände. Wir waren auf dem Gipfel ins Gespräch gekommen und nachdem ich ihm von meiner Tiroler Berghütte erzählt hatte, hatte mich der begeisterte Bergsportler sofort ins Herz geschlossen.

Peter (li.) auf dem Taibai Shan (3.767 m) im Qin-Ling Gebirge

Bergsport und vor allem Skifahren erfreut sich zunehmender Popularität in China. Seitdem Peking den Zuschlag für die Winterolympiade 2022 erhalten hat, wird das Konsumenteninteresse befeuert. Dass die Chinesen die Olympiade stemmen können, daran besteht in der internationalen Sport-Branche kein Zweifel. Selbst die komplett neu zu bauenden Ski-Anlagen für die Alpin-Wettbewerbe in Yanqing werden vor Termin fertig sein, meint Peter. Und wenn die Berge nicht hoch genug sind, dann werden seine Landsleute sie einfach höher machen. Peter ist sehr zuversichtlich, was die ambitionierte Baukunst seiner Landsleute anbelangt.

Die Vorbereitungen für die Winterolympiade 2022 laufen auf Hochtouren.

Er muss es wissen, denn Peter ist Ingenieur. Peter stammt aus Changzhou, einer kleinen Industriestadt mit 4,5 Millionen Einwohnern, 200 Kilometer nordwestlich von Shanghai gelegen. 50 Minuten hatte ich mit dem Schnellzug gebraucht, als ich ihn wenig später besuchte. Peter hatte den Wohnort gewählt, da seine Firma für Mess- und Sensortechnik, am größten Produktionsort für Silizium, Ingots, Wafern und Solarzellen, die besten Karten hatte. Konzerne aus der ganzen Welt kaufen hier ein.

Auf den ersten Blick nicht sehr anziehend, aber Changzhou ist einen Besuch wert.

Trotzdem fühlte ich mich ein wenig wie ein Alien, als Peter mir die Stadt zeigte. Viele Ausländer bekam man hier offensichtlich nicht zu Gesicht. Es gibt so viele Millionenstädte, wie Changzhou, in die sich normal kein Tourist verirrt, obgleich sich gerade dort ein Besuch lohnen kann. Denn, desto kleiner die Gemeinde, desto größer die Gastfreundschaft und desto niedriger die Preise.

Peter (32) ist Ingenieur und glücklich verheirateter Familienvater.

50.000 Euro hat die 100 Quadratmeterwohnung gekostet, die Peter von seinen Eltern zum 18. Geburtstag geschenkt bekam. Sie ist heute 250.000 Euro wert. Eine vergleichbare Wohnung im Zentrum von Shanghai kostet circa 1,2 Millionen Euro. Und da Shanghai nur eine knappe Zugstunde entfernt ist, gibt es immer mehr Berufstätige, die ein Pendler-Dasein auf sich nehmen, um sich Wohneigentum leisten zu können.

Housing ist weit mehr als nur Wertanalage. Es ist das Fundament zur Familiengründung. Jeder Chinese strebt danach. Und da sich die wenigsten jungen Ehepaare eine Eigentumswohnung leisten können, helfen die Familien zumeist bei der Finanzierung. Peter bleiben monatlich, trotz eigener Firma mit vier Angestellten, nur 2.500 Euro zum Leben. In einer Stadt, in der das durchschnittliche Nettoeinkommen bei 600 Euro liegt, ist das jedoch viel Geld. Eine Immobilienfinanzierung hätte er dafür allemal bekommen.

Im Zentrum kostet der Quadratmeter 2.800 Euro, am Stadtrand 1.700 Euro

Aber dann hätte er Gas geben müssen. Womöglich hätte er keine Zeit für seine geliebten Bergtouren gehabt. Womöglich hätte er dann auch seine Frau nie kennenglernt. Ling, 29, ist nämlich die Tochter eines wohlhabenden Unternehmers, den er einst auf einem Berggipfel kennengelernt hatte. Der fand Gefallen an dem zielstrebigen Jungunternehmer, der sich das gleiche zeitraubende Hobby leisten konnte, wie er. Derlei Freizeitvergnügen ist in China eher elitär. Einfach weil es zeitaufwendig ist. Und Zeit ist Geld. Junge Männer, die sich was aufbauen wollen, haben keine Zeit. Womöglich hat Peters soziale Absicherung also dazu geführt, dass seine Bergsportbekanntschaft, ihm seine Tochter vorstellte.

Heiraten hat für Chinesen eine Riesenbedeutung.

Es sei keine Liebe auf den ersten Blick gewesen, wie Peter erzählt. Man hätte sich erst annähern müssen. Es hätte ein paar Abendessen gedauert, bis der Funke übergesprungen sei. Peter ist kein Womanizer. Nie gewesen. Er hatte zwar ein paar Erfahrungen während seines Studiums gehabt, aber die hatten eher ihn ausgewählt als umgekehrt.

Peter ist nämlich etwas schüchtern. Peter liebt die Welt der Technik. Und wenn er nicht gerade an neuen Sensoren bastelt, dann zieht er die Einsamkeit der Berge dem Menschentrubel vor. Das merkt man in der Begegnung mit ihm. Die menschliche Natur versteht er nicht so gut, wie die der Technik. Womöglich ist es gerade diese kindliche Unschuld, gepaart mit seinem Forschergeist und seiner Bescheidenheit, die Ling so anziehend fand. Als Lehrerin dürfte sie schon vorher mit diesem Typus vertraut gewesen sein.

Für Hochzeitstafeln geben Chinesen üblicherweise viel Geld aus.

Die Hochzeit hat nur lächerliche 25.000 Euro gekostet, wie Peter erzählt. „Die meisten meiner Freunde haben weit über 100.000 Euro für ihre Hochzeit ausgegeben. Ich finde das nicht richtig, in einem Land, in dem so viele Menschen in ihrem ganzen Leben nicht so viel verdienen.“ Peter geht es gut, aber er mag keinen Prunk und Protz. „Für ein kommunistisches Land spielt Geld eine viel zu große Rolle bei uns. Geld ist unsere Religion.“

Auf seinen Bergtouren sei er mit buddhistischen Klöstern in Kontakt gekommen, die ihm gezeigt haben, dass es noch andere Werte gäbe im Leben. Seinem Sohn möchte er das gerne vermitteln. „Ich will nicht, dass er auch mal 90 Stunden die Woche dem Geld nachrennt, wie so viele meiner Freunde. Ich hoffe, dass sich in Zukunft etwas ändert in unserem Land. Wir sind auf einem guten Weg. Meine Eltern hatten früher oft nicht genug zu essen gehabt. Das gibt es heute nicht mehr. Insofern hat China viel richtig gemacht. Aber jetzt gilt es vom Gas runter zu gehen und eine gesunde Work-Life-Balance zu finden. In zehn Jahren werden wir uns dem Westen hoffentlich angeglichen haben.“

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