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Die Schatzsucherin

Podcast

Wenn Shirley morgens am Bund von Shanghai entlang joggt, dann ist sie voll in ihrem Element. Nicht umsonst ist die schicke Uferpromenade am Westufer des Huangpu-Flusses, das architektonische Wahrzeichen der Stadt. Die Aussicht aufs gegenüberliegende Pudong, mit all seinen Wolkenkratzern, ist atemberaubend. Das Panorama sagt mehr über Chinas Macht und Ehrgeiz aus, als jeder Wirtschaftsbericht. Schaut her, Welt – wir sind großartig! Shirley ist auch großartig. Ähnlich wie der feudale Bund, der einst nur eine schlammige Ufer-Böschung war, begann ihr Leben auch wenig feudal.

Ein braves Mädchen aus der Provinz.

Shirley stammt aus Ningbo, einer kleinen Küstenstadt in der ostchinesischen Provinz Zheijang. Der Vater war Holzarbeiter und besaß einen kleinen Trödelladen, in dem er seine Schnitzereien und Bastelarbeiten verkaufte. Mehr schlecht als recht. „Eine sehr traditionelle Familie. Papa machte die Regeln und alle hatten sie zu befolgen.“ Von klein auf musste Shirley funktionieren. Kochen, waschen, bügeln, sich um den kleinen Bruder kümmern, im Laden mithelfen, für Shirley alles ganz normal. Ein Dankeschön gab es nie. „Papa war sehr streng. Liebesbekundungen oder auch nur in den Arm nehmen, sowas gab es bei uns nicht. Er war ein Bilderbuch-Papa aus dem alten China. Rebelliert habe ich trotzdem nie. Ich war immer eine brave Tochter und habe alles gemacht, was Papa sagte.“

Trödelhandel anstatt Schule.

Studieren war keine Option gewesen. Abitur auch nicht. Sie war nach der Mittelschule ins väterliche Geschäft eingestiegen, und als im Rahmen der wirtschaftlichen Öffnung des Landes plötzlich die Ausländer ins Land strömten und die Antikläden von Shanghai leerkauften, sah Shirleys Vater seine Chance. Er zog mit seiner Familie in die Großstadt und aus seinem Trödelladen wurde ein Antiquitätenladen.

Auf dem Shanghaier Antikmarkt in der Dongtai Road begann die Karriere von Shirley Shen.

Angst vor Langnasen

Das war eine ganz neue Welt für die mittlerweile 20-jährige Shirley. „Ich konnte kein Wort Englisch und kannte Ausländer nur aus dem Fernsehen. Für mich sahen sie alle gleich aus. Sie hatten große Nasen, weiße Haut und ihre blauen Augen machten mir Angst. Ich konnte unseren Kunden anfangs nicht in die Augen schauen, da ich immer Angst hatte, dass sie mich verhexen würden.“ Da die Kunden jedoch lieber von dem süßen kleinen Mädchen als von dem alten Griesgram bedient werden wollten, lernte sie ihre Abscheu zu überwinden.

„Knallhart wie eine Deutsche“

Irgendwann sei aus Angst, Neugier geworden und sie besuchte die Abendschule, um Englisch zu lernen, in der Hoffnung, diese komischen Gestalten dadurch besser verstehen zu können. Ihre Rechnung ging auf. Die süße kleine Shirley war ein Verkaufstalent und hatte schnell raus, wie man die Ausländer um den Finger wickelte. Der Laden boomte. „Mein Vater hatte mir viel beigebracht und ich hatte auch charakterlich mehr von ihm übernommen, als mir lieb war. Aus mir wurde eine knallharte Antik-Dealerin. Du siehst so niedlich aus, aber du handelst wie eine Deutsche, hatte mir ein Kunde mal gesagt.“ Dem Vater imponierte das. So sehr, dass er bereit war, der Tochter den Laden zu übergeben, um sich in den Ruhestand in die alte Heimat zurückzuziehen.

Shirley weiß, was ausländische Kunden glücklich macht

Mit E-Commerce zum Erfolg

„Ein sehr unübliches Angebot, denn normal hätte, wie in allen chinesischen Familienbetrieben, mein Bruder Anrecht auf den Laden gehabt. Aber mein Bruder war faul. Er hatte sich nie Mühe gegeben, da er sich seines Erbes so sicher war. Mein Vater war zu sehr Geschäftsmann, als dass er sein Lebenswerk den Bach runtergehen sehen wollte.“ Auch zu sehr Chinese, als dass er der Tochter sein Erbe einfach schenken wollte. 250.000 RMB, circa 32.000 Euro, Ablöse verlangte er von der Tochter, damit sie den Laden selbständig weiterführen durfte. Die Summe war binnen kürzester Zeit abbezahlt. Auch weil Shirley anfing Online-Handel mit Übersee zu betreiben.

China-Handel auf Ebay

Ebay-Händlerin des Jahres

Im Jahr 2000 wurde Shirley von Ebay offiziell zum Umsatzstärksten chinesischen Händler des Jahres gekürt. „Ich hatte angefangen kleine Artikel, die man kostengünstig verschicken konnte, auf Ebay anzubieten. Da ich mich zunehmend auf Textilien und Bekleidung spezialisiert hatte, gab es genug Artikel, die nicht viel wogen. Das schlug ein wie eine Bombe. Innerhalb weniger Monate musste ich Personal einstellen, die sich um Onlineauftritt, Verpackung und Versand kümmerten.“ Shirley war fortan nur noch Einkäuferin. Der Verkauf lief von allein.

Shirley durchstöberte die Antik-Shops von New York und stolperte über einen Schatz

In New York über einen Schatz gestolpert.

Um den Markt ihrer Übersee-Kunden besser zu verstehen, flog sie nach USA und besuchte die Shops von lokalen Mitbewerbern. In einem kleinen Antikshop in New York, machte sie schließlich eine lebensveränderte Entdeckung.

„Der US-Kollege merkte, dass ich vom Fach bin und holte eine alte chinesische Truhe aus dem Hinterzimmer und meinte, das sei nur etwas für echte Kenner. Als er die Truhe öffnete, blieb mir schier das Herz stehen. Darin lag ein Kleid aus der Xin-Dynastie. Sehr gut erhalten. So etwas Schönes hatte ich zuvor noch nie gesehen. Da ich mich mit alten chinesischen Gewändern auskannte, wusste ich sofort, dass das ein echter Schatz war. So etwas gab es bei uns Zuhause, wenn überhaupt, nur im Museum zu sehen.“

Ein Schatz für 1.500 Dollar

Der New Yorker Händler rief einen Verkaufspreis von 1.500 Dollar auf. „Der Verkäufer wusste zwar nicht, dass er da Museumsqualität besaß, aber dass es etwas Besonderes war, war ihm schon klar. Er meinte, er hätte das Kleid immer für einen besonderen Kunden aufbewahrt, der seinen Wert zu schätzen wisse und fände es schön, wenn das Stück den Weg in seine alte Heimat zurückfände, wo es hingehört.“

Da habe sie vor Rührung geweint, ihre letzten Dollar zusammengekratzt und das Kleid für 1.500 Dollar erstanden. „Ich hatte nicht erwartet, dass ich im Ausland irgend etwas einkaufen würde und hatte kaum Geld dabei. Aber das musste ich haben. Ich bin total pleite nach Hause geflogen und war der glücklichste Mensch der Welt.“

Wert: 150.000 Dollar

Ein Experte, bei dem sie das Kleid wenige Tage später in Shanghai begutachten lässt, attestiert ihr, dass es von einer Kaisergemahlin aus der Verbotenen Stadt stamme. „Er bot mir sofort 15.000 Dollar dafür.“  Shirley lehnte ab. Heute ist das Kleid 150.000 Dollar wert. Verkaufen würde sie es trotzdem niemals. Der sentimentale Wert ist zu groß. Die Symbolkraft auch. Denn das Kleid war das Fundament zu einer einmaligen Karriere.

„Warum kaufst du dir keine neuen Kleider?“

 In der Hoffnung noch mehr solche Fundstücke aufzutreiben, bereiste sie fortan die Welt. In den 90er Jahren, allein schon deshalb ein Novum, weil damals keine Chinesin jemals alleine verreist wäre. Zuhause wird sie deswegen belächelt. Auch weil sie von ihren Reisen immer alte Klamotten mitbrachte. „Meine Freundinnen haben immer den Kopf geschüttelt. Dass ich auf Second Hand anstatt auf Prada und Gucci stand, haben sie nicht verstanden.“

Heute lachen ihre Freundinnen nicht mehr über Shirleys Vorliebe für alte Klamotten.

Ein Vermögen mit Sammlerstücken aus der ganzen Welt.

Heute kann sich Shirley jedes Designerkleid leisten. Sie hat ein Vermögen gemacht mit all den antiken Fundstücken, die sie in 25 Ländern der Welt auftrieb. „Allesamt Sachen, die vor über hundert Jahren China über irgendwelche Kanäle verlassen haben. Die einstigen Besitzer sind mittlerweile verstorben und deren Erben haben die Stücke nicht wertgeschätzt und sie für Ramschpreise an Trödler verscherbelt. Ich habe viele unglaublich schöne Sachen an unglaublich schäbigen Orten gefunden. Ich habe ein paar echte Schnäppchen gemacht. Ich war die erste, die dieses Geschäft entdeckt hat. Vorher gab es nur Kollegen, die Jade aus dem Ausland zurückgeholt haben, aber dass man mit alten Kleidern Geld machen kann, war ihnen nie in den Sinn gekommen.“

Eigenes Museum

Über 500 Sammlerstücke hat sie so zusammengetragen und infolge zu Spitzenpreisen verkauft. „Die Sahnestücke habe ich für mich behalten. Ein paar sind als Leihgabe in der Verbotenen Stadt gelandet und mit den anderen werde ich demnächst ein eigenes Museum eröffnen. In einem Land, in dem immer alles NEU sein muss, möchte ich damit vermitteln, dass die wahren Werte im ALTEN zu finden sind.“

Video-Einblick in Shirley’s Kollektion:

https://www.shine.cn/feature/lifestyle/1711086077/

Wertvolle Rarität: In diesen antiken Schuh passten nur gebundene Füße.

Man hielt sie für verrückt.

Shirley muss schon lange nicht mehr arbeiten, um ihre Miete zu zahlen. Auch weil sie gut investiert hat. „Einer meiner Geschäftspartner hatte mir vor 20 Jahren geraten, in Immobilien zu investieren. Ich hatte ihn ausgelacht, denn ich war ein traditionell erzogenes Mädchen und hatte das nie in Erwägung gezogen. Eine Frau kauft hierzulande keine Immobilien. Das ist Männersache. Als ich es dennoch wagte, hielten mich alle in meinem Umfeld für verrückt. Aber ich habe erkannt, dass ich selber Mann genug bin, um für mich zu sorgen.“

Heute lacht niemand mehr über Shirley

Das ehemalige Trödel-Mädchen steht ihrem Mann so gut, dass sie heute in einer schicken Maisonette-Wohnung im Nobelviertel Xintiandi lebt. 250.000 Euro hatte sie 2004 für die Wohnung bezahlt. Heute ist sie 1,5 Millionen Euro wert.

Aus Geld macht sich Shirley trotzdem nicht viel. Die zweieinhalb Kilometer runter zum Huangpu fährt sie jeden Morgen mit dem Leihfahrrad. Und wenn sie dann am Bund entlang joggt, dann steht ihr das Glück ins Gesicht geschrieben. Dann weiß sie, das sie alles richtig gemacht hat.

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