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Friede, Freude – Pustekuchen!

Ja, es soll schönere Beschäftigungen geben um sechs Uhr morgens. (© Juergen Hasenkopf)

Podcast

Tropische 32 Grad, die Luft ist feucht, es riecht nach Curry, Elefanten trompeten im benachbarten Dschungel, in der Ferne plärrt ein Muezzin sein Morgengebet und die Moskitos fressen mich auf. Es ist sechs Uhr früh im indischen Varkala und zu allem Überfluss hänge ich auch noch im Nach-Unten-Schauenden-Hund, einer Yoga-Stellung, die eigentlich entspannend wirken soll. Ich bin aber nicht entspannt. Ich bin gestresst und genervt.

Yogis sind immun gegen Moskitos

Und als mein Eso-Vorturner mir auch noch einreden will, dass Moskitostiche nicht weh tun, wenn man die lieben Viecher einfach friedlich saugen lässt, möchte ich ihm am liebsten eine klatschen. Das mache ich natürlich nicht, obwohl Jürgen mich wahrscheinlich mit einem Lächeln gewähren lassen würde. Als Yogi kennt er nämlich keine Aggressionen. Eigentlich der Grund, warum ich dem Münchner Yoga-Lehrer und seiner chinesischen Partnerin Anna –  http://www.mahashantiyoga.com – 2013 nach Kerala gefolgt war – hoffend, dass ich danach auch so tiefenentspannt bin. Wohlwollende Kollegen hatten damals gemeint, dass das dem leicht überdrehten Großstadtreporter guttun könnte.

Varkala Beach in Kerala

Yoga in Varkala Beach: Eine Art Ballermann für Nasenduscher.

Yoga-Schulen, Meditations-Zentren, Ayurveda-Kliniken und Massage-Zentren wohin man schaut. Besucht von Touristen, gerne mit Rucksack, aus der ganzen Welt. https://www.keralatourism.org Alle auf der Suche nach Glückseligkeit. Keine Sandalen mit weißen Socken, keine grölenden Bierbauch-Touris und keine Louis-Vuitton-Tussen. Einfach nur Love & Peace, untermalt von Pink Floyd und Cat Stevens. 

Sehr angenehm, wenn da nicht dieses Yoga-Boot-Camp-Gedöns wäre.

Jeden Morgen um sechs Uhr zwei Stunden Asanas und Meditation, nach dem Frühstück Singsang-Stunde und am Nachmittag wieder drei Stunden bis zum Sonnenuntergang. Natürlich ist man danach tiefenentspannt. Oder auch nur fix und fertig.

Nach zwei Tagen hasse ich Yoga!

 

Varkala: Disneyland für Esos aus aller Welt

Dann kommt Saji. Mit großen dunklen Augen, langen pechschwarzen Haaren, Bart und in weißen Walla-Walla-Gewändern. Er sieht aus wie die indische Reinkarnation von Jesus und seine sanfte Stimme hat eine hypnotische Wirkung auf mich. Plötzlich bin ich der Tiefenentspannung ein Stückchen näher. Saji ist ein indischer Yogi, eine Art Guru, Lehrer –  http://www.vasishtayoga.org – und Wegbegleiter für Heil- und Sinnsuchende aus der ganzen Welt. 

Saji lebt das, wovon Yogis in unserer westlichen Welt träumen. Ein sauberes, enthaltsames und wertfreies Leben im Einklang mit der Natur. Und obwohl er aussieht wie ein Freak, komme ich mir neben ihm vor wie ein Freak. So schmutzig, so unkeusch und so verdorben. 

Einmal Yogi, aber bitte mit Sex!

Saji ernährt sich nämlich rein vegetarisch, trinkt weder Alkohol, noch Kaffee oder Tee, isst weder Zwiebeln noch Knoblauch und verzichtet sogar auf Sex. Alles Stimulanzien, die einen echten Yogi bei der Meditation stören. Das Resultat: wacher Blick, klarer Kopf, eine engelsgleiche Geduld und ein unglaublich biegsamer Körper. Sehr inspirierend. Das will ich auch – bis auf die Sex-Komponente. Die sexuelle Enthaltsamkeit sei aber auch nicht zwingend wie Saji mir versichert.

 

 

Jeder kann ein Yogi sein!“

Egal ob man im Dschungel oder in der Coca-Cola-Welt lebt, egal ob man Postbote oder Bankdirektor ist.

Voraussetzung sei eine rein pflanzliche Ernährung und natürlich: Yoga! In seinem Fall Hatha-Yoga. Hatha ist ein besonders kraftvolles Yoga, bei der das Gleichgewicht zwischen Körper und Geist durch eine Kombination aus körperlichen Übungen (Asanas), Atemübungen (Pranayama) und Meditation angestrebt wird. Da kommt auch die berühmte Nasendusche ins Spiel. Eine Reinigungstechnik, die dafür sorgt, dass man bei dem ganzen Programm nicht außer Atem gerät.

Ich mache alles mit und es zeigt Wirkung: Ich werde gelenkiger, die Kreuzschmerzen gehen weg und binnen kürzester Zeit kann ich einen halben Zoo imitieren: den Hund, den Adler, die Krähe, das Krokodil, den Löwen, die Katze und den Tiger. Und ein klein wenig ruhiger werde ich auch. Vielleicht auch nur gemütlicher, weil ich drei Kilo zulege, da indische Küche vor allem aus Kohlenhydraten besteht.

Im Februar 2013 mit Jürgen, Saji und Anna. (© Jürgen Hasenkopf)

Yoga ist der Wecker.

Das mit der Yogi-Wampe hatte ich zwar bei all der Askese nicht erwartet, aber gut, wahre Schönheit soll ja eh von innen kommen. Genauso wie Frieden in jedem wohnt. Manchmal sei er eingeschlafen und müsse aufgeweckt werden. Yoga sei der Wecker, meint Saji. Meiner tickt zwar, aber er hat noch nicht gebimmelt. Das muss ich mir spätestens beim Besuch eines hinduistischen Tempelfestes eingestehen. Dort laufen Menschen, wie in Trance, durch meterhohe Flammen und bleiben unverletzt – dank wochenlanger Askese und intensiver Meditation.

Angeblich kann jeder, der völlig rein ist, durchs Feuer laufen.

Eine verlockende Vorstellung, aber ich passe. Zu gefährlich, hatte ich mir doch tags zuvor heimlich einen Kaffee gegönnt und muss befürchten, dass das Koffein mir die Fußsohlen verbrennt.

Nach wochenlanger Askese und Meditation laufen sie schmerzfrei durchs Feuer. (© Juergen Hasenkopf)

Enttäuschung auch, als ich im Dschungel auf einen Elefantenflüsterer treffe, der sich dank seiner spirituellen Fähigkeiten mit selbigen wortlos verständigt. Ich stehe daneben und verstehe nur Getröte.

Genauso der Yogi, der seit 25 Jahren nahezu reg- und wortlos auf einer Müllhalde sitzt und den Pilger aus dem ganzen Land um Hilfe bitten – wortlos, nur mit der Kraft der Meditation. Ich versuche mein Glück. Wieder vergebens. Er hört mich und meine weltlichen Wünsche nicht. Aber sein mitleidiger kurzer Blick sagt mehr als tausend Worte:

Das übersteigt deine Fähigkeiten, du dummer kleiner Tropf!

Ich träume noch drei Tage später von dem halbnackten kleinen Müllmann und seiner transzendentalen Beleidigung. Anscheinend sind meine Antennen doch etwas sensibler.

 

Begegnungen

Kobras beißen keine Yogis.

Ein halbes Dutzend Ashrams habe ich in Folge meines Yoga-Retreats besucht. Ich habe mir eine Umarmung von der berühmten Amma abgeholt, meditierte im Feng-Shui-Garten des Sivananda https://sivananda.org.in/trivandrum/, stöberte in den Archiven des berühmten Chinmaya, lies mir von den Mönchen des Siddha-Ashrams ayurvedisches Viagra brauen und verbachte einen Tag bei Swami Vidyadhiraja, der seit 20 Jahren mit Kobras im Dschungel lebt und natürlich nie gebissen wurde! Auch wenn kaum einer seine Gastfreundschaft länger in Anspruch nimmt, gilt bei ihm die gleiche Regel wie in allen Ashrams: Jeder ist willkommen!

Yoga heißt teilen!

Und Kobra-Swami teilt alles. Auch seine Yoga-Kenntnisse! Denn Yoga heißt teilen, wie er mir erklärt und dass es Menschen gibt, die für Yoga-Stunden Geld verlangen, kann er nicht verstehen.

Wer im Sivananda Ashram nicht zur Ruhe kommt, schafft es wahrscheinlich nirgendwo.

 

„Please find him wife.“

Saji verlangt auch kein Geld. Eine Spende für seinen Ashram nimmt er jedoch gerne. Seine Mutter ist da etwas pragmatischer. Ich soll ihrem Sohn doch bitte eine Frau besorgen. Damit sie endlich ihren inneren Frieden findet. Ihr Sohn sorge sich nämlich um den Seelenfrieden von Menschen aus der ganzen Welt, nur den seiner Familie ignoriere er.

 

Saji mit Mama und Oma in Calicut.

Doch auch wenn Saji seine Mama ehrt, ihren Wunsch mag er ihr nicht erfüllen. Eine Ehefrau sei mit seinem Leben nicht zu vereinbaren.

„Wife is not good for inner balance!“ 

Für die Weisheit hätte ich zwar nicht bis Indien fahren müssen, aber trotzdem: Danke und om shanti, Saji! Und Danke für meine neu gewonnene Lässigkeit: Als ich halbnackt mit Jesuslatschen, bei Schnee und Eis in München lande und erfahre, dass mein Gepäck unterwegs verloren ging, kann mich das kaum jucken. Ich wandle über den Schnee nach Hause. Ich spüre keine Kälte. Nur Wärme, Glück und Frieden. Und zwei Tage später 40 Grad Fieber.

Diese Karte schicke ich Saji jedes Jahr zum Geburtstag.

2 Kommentare

  1. Katja Katja

    Ich kenne das zu gut! Habe 2019 bei Saji meine Yoga Lehrerausbildung gemacht und konnte mich in vielen deiner Erläuterungen wieder finden. Würde es jedoch jederzeit wieder tun. Eine extreme und lebensverlängernde Erfahrung. HariOM, Katja

    • Hat auch mir gut getan, aber trotzdem: Nie wieder Yoga-Retreat! Aber Saji jederzeit.

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