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Verliebt

Streetlife Beijing

Ich habe mich verliebt. Heute war ein guter Tag, denn ich habe mich nur zweimal verliebt. An schlechten Tagen verliebe ich mich auch fünfmal. Schlecht, weil das emotional viel zu aufwühlend ist. Schließlich kann ich meine Liebe nicht offenbaren. Ich beherrsche die Sprache nicht. Außerdem bin ich ein wenig schüchtern. Auch Zuhause tue ich mir schwer, Frauen anzusprechen, die mir so richtig gut gefallen. Aber Zuhause passiert mir das auch nur zweimal im Jahr. Hier passiert mir das täglich. Entweder, weil sie so niedlich sind, dass mir bei ihrem Anblick das Herz aufgeht. Oder weil sie so wunderschön sind, dass mir ihre Erscheinung schlicht den Atem raubt. Womöglich leben hier einige der schönsten Frauen der Welt. Ich weiß, liebe Spanierinnen, dass ich das auch schon oft über euch gesagt habe, aber da kannte ich ja die Chinesinnen noch nicht. Sie triggern mich einfach mehr. 

Schönheit gepaart mit Herz und Hirn.

Das Gute ist, dass sie mitunter initiativ sind, wenn sie Interesse haben, was einem schüchternen Junggesellen durchaus in die Karten spielt. Ich hatte bereits einige Dates, und sie waren alle intim. Sehr intim. Nicht im sexuellen Sinne, sondern auf emotionaler Ebene. Kein oberflächliches Geplänkel, nein sie packen alles auf den Tisch. Binnen kürzester Zeit kenne ich ihre Träume, Ängste und Sorgen. Ganz so, als hätten sie sonst nie Gelegenheit darüber zu reden. Mit chinesischen Männern scheint das kaum möglich zu sein. So zumindest der gemeinsame Tenor meiner Bekanntschaften.

Die bildhübsche Regisseurin Chuntao, 33, hat für die hiesigen Männer gar nichts übrig. „Warum sollte ich mich mit einem Chinesen einlassen? Die denken nur an ihre Karriere und haben kein ernsthaftes Interesse an Frauen. Die wollen nur ein nettes Prestigeobjekt an ihrer Seite. Dafür bin ich mir zu Schade.“In Konsequenz ist sie bisexuell geworden und teilt Bett und Gefühle lieber mit Frauen. „Ich hätte nichts gegen eine Beziehung mit einem Mann, der es ehrlich meint, aber die Chance so einen zu finden, ist ähnlich gering wie ein Lottogewinn. Daher bevorzuge ich weibliche Partnerinnen, die genauso ticken wie ich. Das wird mittlerweile immer mehr toleriert. Wir haben es leichter als schwule Männer.“Schwule Männer habe ich bis dato keine ausmachen können. Passt auch irgendwie nicht ins Bild.

„Ich habe mit dir mehr Intimes ausgetauscht, als mit meinem Mann in den letzten zehn Jahren.“Maifeng (37) und ich hatten gerade mal einen Nachmittag miteinander verbracht. Ihren Mann müsse sie Gott sei Dank nur drei bis vier Mal im Jahr sehen, da er als Ingenieur in Shanghai arbeitet. Sie jobbt saisonweise als Fremdenführerin im Sommerpalast. Die Eltern kümmern sich während der drei Monate um die beiden Töchter, weil sie sich das gemeinsame Leben in Beijing nicht leisten können. „Wegen der Ein-Kind-Politik, mussten wir für unsere zweite Tochter eine Ausgleichszahlung an den Staat zahlen. In Beijing wäre die zu hoch gewesen. In meiner Heimatstadt im Süden sind die Gebühren für Kinder niedriger.“3 000 Euro hat sie trotzdem noch zahlen müssen, damit sie eine zweite Tochter großziehen darf. Den Mann dazu wäre sie gerne wieder los, ihn hatte sie nur geheiratet, weil ihre große Jugendliebe einer anderen versprochen war. Ihr heutiger Ehemann war einst der beste Freund ihrer Jugendliebe und hatte sie über ihren Liebeskummer hinweggetröstet. Daraus sei eine intime Verbundenheit entstanden, die sie mit Liebe verwechselt habe. Das habe sie erst gemerkt, als es schon zu spät gewesen sei. Jetzt zieht sie die Ehe durch, bis die Mädels aus dem Haus sind. „Dann lasse ich mich scheiden und fange endlich mein eigenes Leben an.“Intime Bekenntnisse, die sie mit einem Fremden teilt. Einfach so. Keine Ausnahme. Ist mir mehrfach widerfahren.

Sehr schöne Begegnungen, zumal sie allesamt sehr smart und gebildet sind. Jiaying,33, Schauspielerin, spielt jährlich in zwei Kinoproduktionen und in diversen TV-Serien, hat nebenbei drei Bücher veröffentlicht und malt Bilder, die für mich aussehen wie Van Goghs. Fenfang,28, gibt seit ihrem fünften Lebensjahr Klavierkonzerte in ausverkauften Konzertsälen und macht nebenbei gerade ihren Doktor in Molekularbiologie, nachdem sie zuvor bereits in Mathematik promoviert hatte. Was sie eint: Sie verlieren keine Zeit mit oberflächlichem Geplänkel.

Diese Offenheit und auch Neugierde kann manchmal auch etwas ausufern. Vor allem bei Touristinnen aus entfernten Provinzen, für die der Anblick eines Europäers etwas exotischer ist, als für die Pekinger Großstadtfrau. Die beiden Damen, die mich auf der Nobelmeile Wangfujing auf eine Tasse Tee einluden, wollten nach fünf Minuten tatsächlich wissen, ob denn bei jemand, dessen Hände so groß seien, alles andere auch so groß sei. Völlig unverblümt und mit großen neugierigen Augen strahlten sie mich an und meinten, ich solle doch bitte mitkommen in ihre Heimatstadt, drei Stunden nördlich von Beijing. „Bei uns Zuhause haben wir viele einsame Frauen, die von einem Mann wie dir träumen. Da wärst du der König.“

3.000 Konkubinen hielt sich der Kaiser früher in der Verbotenen Stadt.

Ich lehne dankend ab und erkläre ihnen, dass ich Zuhause bereits über ein Königreich mit Frau und Kindern verfügen würde. „Das stört uns nicht. Es geht doch nur um Spaß. Und vielleicht ein Baby für unsere beste Freundin. Sie wünscht sich so sehr ein Mischlingsbaby.“ Nur ein Baby? Ja, eine Frau aus ihrem Ort habe ein Baby von einem Stuttgarter Mann bekommen und das sei so süß, dass jetzt ihre beste Freundin auch so etwas Süßes haben wolle. „Du musst sie nicht heiraten. Nur ein Baby. Easy Job.“Easy, ist klar. Sorry Ladys, aber für derlei Jobs bin nicht angereist. Ich bin Bestager und kein Beststricher.

Ein Kommentar

  1. Ute Ute

    INTERESSANT

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