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Karma

Rooftop-Party with the boys.

Endlich keine Sperrzeit mehr. Ich habe die ganze Nacht an den überfüllten Tresen der Stadt durchgefeiert und bin heute morgen etwas benebelt, am Isarufer liegend, wieder zu mir gekommen. Noch bevor ich mich orientieren konnte, öffneten sich die Schleusen des Wehrs und eine Riesenwelle spülte mich hinweg. Die Welle war so gewaltig, dass sie mich bis ins offene Meer hinaustrug. Und obgleich der Sog es mir nicht ermöglichte aufzutauchen, empfand ich es nicht als bedrohlich. Im Gegenteil, ich genoss es, tauchte neben einem friedlichen großen Wal und wurde von der Unterwasserfauna verzaubert. Eine schöne und friedliche neue Welt offenbarte sich mir. Ich wollte Teil davon werden und war gerade im Begriff mir Kiemen wachsen zu lassen, als ich wieder aufwachte.

Es war der schönste Traum seit Corona. Der erste seit langem, der es wert ist, den Weg in mein Traumtagebuch zu finden. Ich hatte vor zwei Monaten aufgehört, meine Träume niederzuschrieben, nachdem ich von einem Quarantäne-KZ, einer Schlangengrube und zuletzt sogar von einer massiven Diarrhoe geträumt hatte. Um Dünnschiss zu deuten, bedarf es keiner Traumdeutung. Die Bar-Szene ist ebenfalls leicht mit der Sehnsucht nach Entspannung und Vergnügen zu interpretieren. Den friedlichen Wal kann man angeblich als Vorboten für ein lohnendes Geschäft und großen Erfolg deuten. 

Wasser hingegen ist sehr facettenreich und ergiebig in Sachen Traumdeutung. Es hat immer mit starken Emotionen zu tun und besonders in Kombination mit Wellen geht’s immer um Veränderungen im seelischen Gleichgewicht. Da meine Wellen nicht bedrohlich, sondern genüsslich waren, läuft da liebestechnisch wohl einiges in die richtige Richtung, wie mir mein Traumdeutungsportal verrät. Das ist erfreulich, zumal ich das im Wachzustand auch so empfinde. Die junge Dame, die ich seit zwei Wochen date, tut mir sehr gut. Weiwei – ja, sie ist rein zufällig Chinesin – und ich waren uns sehr schnell nähergekommen, auch weil es Pandemie-bedingt nach 22 Uhr keine gastronomischen Alternativen zu meiner Wohnung gab.

Insofern danke, lieber Markus, für deine Sperrstunden-Diktatur. Leider war sie nicht rechtskonform und wurde am Freitag vom Verwaltungsgerichtshof gekippt. Bars, Clubs und Bordelle bleiben zwar noch immer geschlossen, aber es gibt trotzdem genug Münchner Etablissements, in denen man jetzt wieder Gas geben kann bis in die Puppen.

Was für eine Schlappe für unseren armen Ministerpräsidenten, der ursprünglich für nächste Woche eine großzügige 23 Uhr-Lockerung angekündigt hatte. Wie muss er sich jetzt fühlen, der Markus. Hoffentlich lernt er was daraus. Die Zeichen stehen auf Veränderung. Volksverdummung ist nicht mehr. Sogar Donald Trump ist ins Wanken geraten. Hatte es doch lange so ausgesehen, dass er Corona unbeschädigt übersteht, scheint ihn die Rassismus-Debatte jetzt den Kopf zu kosten.

Die 700.000 Dreamer dürfen bleiben.

Zeitgleich zu Söders Schlappe, bekam Trump vom obersten Gerichtshof der USA ebenfalls seine Abfuhr. Der Supreme Court hat den Abschiebungs-Schutz von 700.000 Einwanderern, den sogenannten Dreamer, bestätigt, die Trump gerne zum Teufel gejagt hätte, obgleich es sich um vollintegrierte US-Bürger handelt, die als Kinder nach Amerika gekommen waren. Da scheint einiges in die Richtung zu laufen. Weltweit. Bolsonaros Regierung befindet sich ebenfalls im freien Fall. Vertraute des Präsidenten stürzen oder werden verhaftet, das Kabinett versinkt im Chaos. Egal wohin man schaut, Corona reißt vielen die Masken vom Gesicht.

Clemens Tönnies schlachtet am Tag 30.000 Schweine und wird jetzt selber zur Schlachtbank geführt.

Auch Schalke-Boss Clemens Tönnies bekommt gerade eine ordentliche Klatsche ab. Der Metzgersohn, der mit seiner Tiertötungsfabrik in Rheda-Wiedenbrück ein Milliardenvermögen angehäuft hat, ist für den größten Virus-Ausbruch der EU verantwortlich. Über 1.000 infizierte Mitarbeiter bisher und 3.500 Testergebnisse stehen noch aus. Man rechnet mit vielen Todesfällen in den nächsten Tagen. Die ganze Region Gütersloh steht kurz vor dem Lockdown. Die 7.000 Mitarbeiter wurden vorsorglich in Heim-Quarantäne geschickt. Da der kosteneffizient operierende Herr Tönnies gerne Leiharbeiter aus Ost-Ländern beschäftigt, kümmern die sich jedoch wenig um derlei Verordnungen, sondern sind zum Teil einfach wieder in ihre Heimatländer abgereist. Als Virus-Spreader quer durch Europa.

Arbeits- und Hygienebedingungen im Betrieb Rheda-Wiedenbruck sollen katastrophal gewesen sein.

Tönnies Leiharbeiter fühlen sich ihrem Arbeitgeber nämlich nicht verpflichtet. Der habe sie wie Sklaven behandelt und sie unter Missachtung sämtlicher Hygienevorschriften wie Vieh in Wohncontainern untergebracht, haben einige von ihnen mittlerweile kundgetan. Ein Metzger halt, der Herr Tönnies. Jetzt wird er selber zur Schlachtbank geführt. Mehrere Strafanzeigen gegen seinen Betrieb liegen bereits vor. Politiker fordern, dass Supermarktketten die Produkte des profitgierigen Fleischbarons aus dem Angebot nehmen, um sich nicht mitschuldig an dessen Verbrechen zu machen. Teile von Tönnies Familie fordern öffentlich seinen Rücktritt. Und als wob das alles nicht schon schlimm genug wäre, bekam der Vorsitzende des Schalke-Aufsichtsrats beim letzten Heimspiel seiner Mannschaft gestern auch noch ein Stadionverbot ausgesprochen.

Nix mehr Ehrenloge auf Schalke: Tönnies hat Stadionverbot.

Der arme Kerl versteht bestimmt die Welt nicht mehr. Er schafft Arbeitsplätze, sorgt für billiges Essen auf’m Tisch, veranstaltet Fußballspiele, ist ausländerfreundlich und seine Gemahlin engagiert sich natürlich für caritative Zwecke. In seiner Eigenwahrnehmung ist Tönnies bestimmt der reinste Philanthrop. Dass das sonst keiner so sieht, muss den Mann bestimmt fix und fertig machen. Sei ihm zu wünschen, dass er die einsamen Zeiten, die auf ihn zukommen, sinnvoll nutzt und sich mal mit den karmischen Gesetzen beschäftigt. Allein das erste, das Gesetz von Ursache und Wirkung, könnte vielleicht schon etwas Licht in sein Dunkel bringen. Der Spruch Karma is a bitch, dürfte jedem geläufig sein, aber im Original lautet er eigentlich: Karma is a bitch when you are.

Beim Besuch vom Xinfadi-Großmarkt in Peking wurde mir einst übel.

Nachhilfe in Sachen Karma würde ich meinen chinesischen Freunden auch gerne empfehlen. Wer jetzt immer noch keinen Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Corona sieht, hat einfach den Knall nicht gehört. Dabei hat es in Peking vor ein paar Tagen wieder ordentlich geknallt. Über 300 Infektionen wurden bisher nachgewiesen, die halbe Stadt ist abgeriegelt und die Behörden haben die zweithöchste Sicherheitsstufe des Landes ausgerufen. Die Infektionen stehen alle in Kontext mit dem Xinfadi-Großmarkt. Ein riesiger Großhandelsmarkt, der 90 Prozent der Hauptstadt-Geschäfte mit Obst, Gemüse, Fisch und vor allem Fleisch beliefert.

Der Virus soll zwar laut Behörden auf importierten Lachs zurückgehen, aber ich denke, man könnte auch genauso gut den Rentieren von Santa Claus die Schuld geben. Auch wenn die Chinesen keine Krokodile und Fledermäuse mehr verkaufen dürfen, so sind die hiesigen Hygiene- und Qualitätsstandards dennoch abenteuerlich. Und von artgerechter Tierhaltung oder stressfreiem Schlachten weiß man in China sogar noch weniger als in Gütersloh. Daran wird sich, ohne gesetzlichen Druck, auch nichts ändern, solange man mit Fleisch, egal in welcher Qualität, Geld verdienen kann. Das wirtschaftliche Überleben des Einzelnen steht in China immer über dem Wohl der Gemeinschaft. Nach jahrhundertelanger Ausbeutung und Versklavung durch Kaiser und Diktatoren, hat jeder gelernt, sich selbst der Nächste zu sein.

Anson ist ausgebildeter Werbekaufmann und betreibt die Agentur Katmodels in Shanghai.

Mein Shanghaier Model-Agent Anson, hatte es mir einst bildlich erklärt: „Wenn ein japanischer Sportlehrer seinen Schülern aufträgt Kniebeugen zu machen, dann kann er eine halbe Stunde Teetrinken gehen und wenn er wiederkommt, machen sie immer noch Kniebeugen. Wenn der chinesische Trainer zurückkommt, sind die Kinder in alle Himmelsrichtungen zerstreut und machen was sie wollen.“

Anson hat deswegen lange aufgehört chinesische Models unter Vertrag zu nehmen. „Ich habe es probiert, aber es funktioniert nicht. Man kann sich einfach nicht auf sie verlassen. Du besorgst ihnen einen Kunden und infolge bieten sie diesem ihre Dienste für zukünftige Jobs, hinter deinem Rücken, zu günstigerem Preis selber an. Das ist Teil der hiesigen Mentalität, Chinesen sind Einzelkämpfer und stets nur auf ihren Vorteil bedacht.“

Ich arbeite gerne mit Chinesen. Sie sind präzise, schnell und sehr respektvoll im Umgang

Anson wäre sehr glücklich, wenn ich zurzeit in Shanghai weilen würde. Er hat krisenbedingt aktuell nur eine Handvoll Models, allesamt unter 25, unter Vertrag. In ganz Shanghai sollen derzeit keine hundert männlichen West-Models verfügbar sein. In Relation zur Riesennachfrage ist das in etwas so, als würde es in München nur drei Männermodels für den gesamten Werbemarkt geben.

Ich habe die letzten Wochen unzählige Job-Anfragen aus China bekommen. Leider kann ich sie nicht bedienen, denn das Land hat seit dem 29. März die Schotten dicht gemacht. Dummerweise haben sie das mit nur zweitägigem Vorlauf bekannt gegeben, sodass ich trotz gültigem Visa und intensiver Bemühungen keinen Flug mehr bekam. Für 5.900 Euro nach Taiwan zu fliegen, von wo man vielleicht noch nach China reindürfe, erschien mir zu absurd.

Von Laura, der brasilianischen Kollegin, die mir schrieb, ich solle mit ihr heimlich über die grüne Grenze Vietnams einreisen, habe ich seitdem nichts mehr gehört. Denys, ein ukrainischer Kollege, hingegen, war nach Hongkong geflogen und hatte sich bei Nacht und Nebel heimlich von einem Fischerboot nach Shenzhen übersetzen lassen. Ja, es gibt tatsächlich Menschen, die sich nach China reinschmuggeln.

Typsiche Model-Party in Peking. Sie bleiben gerne unter sich. Viele arbeiten schwarz, ohne erfoderliches Z-Visa.

Ich habe etliche Westler getroffen, die sich illegal im Land aufhalten, oder zumindest ohne das erforderliche Z-Visa, das man zum Arbeiten benötigt. Die Behörden wissen das, so wie sie eigentlich fast alles wissen, aber trotzdem nur reagieren, wenn es wirklich sein muss. Zum Nationalfeiertag am 1. Oktober muss es sein. Da gilt es für alle Beamten schöne Erfolgsbilanzen vorzulegen, weswegen sie es ab Mitte September auf allen Ämtern auch viel genauer nehmen als sonst.

So wurde letzten September ein großes Casting von einer chinesischen Tourismusbehörde ausgerufen. Man suchte Westmodels für eine Tourismus-Kampagne, die überdurchschnittlich viel Geld dafür bekommen sollten, dass sie die Kampagnenbilder infolge auf ihren Instagram Konten posten sollten. Werbung für China via Instagram machen, mit einem Tool, das eigentlich hierzulande verboten ist, das hätte eigentlich jeden stutzig machen können. Also zumindest jeden klardenkenden Menschen, der sich ein klein wenig mit der Kultur des Landes auskennt, in dem er sich aufhält. Das tun viele der russischen und ukrainischen Model-Küken nicht. Sie sind nur hier, um Kohle zu machen und für Chinesen haben sie zumeist nicht viel Sympathie. Im Gegenteil, sie machen sich gerne lustig über sie.

Typische Casting-Szene in Shanghai.

Daher war es nicht weiter verwunderlich, dass 300 Models dem Ruf des Geldes gefolgt waren und zum Tourismus-Casting in einer Shanghaier Sporthalle erschienen waren. Nachdem sich alle registriert hatten und mit Nummern versehen aufgereiht standen, stürmten die Behörden die Halle. Ein Drittel wurden festgenommen und infolge des Landes verwiesen. Ja, Models werden nicht fürs Denken bezahlt. Und ja, es rächt sich, wenn man sich über die Chinesen lustig macht. Karma is a bitch when you are.

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