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Köttbullar sind schlecht für die Libido

RETLA ergibt sich aus der Umkehrung des Wortes ALTER, und der gleichnamige Verein (www.retla.org) bietet seit kurzem eine telefonische Hotline (Tel 089-189 100 26) für einsame Senioren an, in der Patenschaften zu sogenannten Telefon-Engeln vermitteln werden. Die Idee dahinter ist, dass sich, zwischen dem hilfesuchenden Anrufer und dem vermittelten Telefonpaten – aktuell gibt es 300 – eine dauerhafte persönliche Beziehung entwickelt, die etwas Licht in den Alltag der alten Menschen bringt. Die Schauspieler Michaela May und Elmar Wepper engagieren sich bei RETLA und sitzen beide selber einmal die Woche am Telefon. Auch, weil sie alterstechnisch selber zur Risikogruppe gehören und daher wissen, um was es geht.

Elmar Wepper: „Ein Viertel der Bundesbürger sind 60 Jahre alt oder älter. Nicht wenige von ihnen leben in Heimen oder in sozialer Isolation. Das ist in normalen Zeiten für viele schon schlimm genug, aber durch die aktuelle Virusgeschichte natürlich umso schlimmer, da selbst kleinste soziale Restkontakte wegfallen. Die medial angeheizte Hysterie macht vielen Angst. Ich kann das gut verstehen, denn ich habe gerade meinen 76. Geburtstag gefeiert und gehöre somit selbst zur Zielgruppe, die fürchten muss, von Herrn Spahn demnächst weggesperrt zu werden.“

Die Kanzlerfrage dürfte sich für Herrn Spahn erledigt haben - er hätte schlechte Karten bei Wählern über 60.

Michaela May ist weit entfernt davon eine Rentnerin zu sein  – sie dreht mehrere Filme im Jahr, spielt Theater, schreibt Bücher, hält Lesungen, dreht Yoga-Videos, besteigt Berge und bespaßt nebenbei noch drei Enkelkinder. Verglichen mit ihr bin ich die reinste Schlaftablette. Trotzdem gehört sie mit ihren 68 Jahren zur Risikogruppe. Nicht einfach für die aktive Frau. “Manchmal wache ich morgens auf und denke, ich habe das alles nur geträumt.“

Das geht Elmar Wepper nicht anders: „Ich wünschte mir auch oft, dass ich nur träumen würde – vor allem wenn ich Herrn Spahn zuhöre. Als der meinte, dass es gut sein könne, dass die Risikogruppen zum eigenen Schutz noch ein paar Monate länger abgeschirmt werden müssen, haben bei mir alle Alarmglocken gebimmelt. Wenn wir die gesundheitlich bedingten Risikopatienten zu den Alten dazu zählen, sprechen wir hier von über einem Drittel unserer Gesellschaft. Ich bin sicher, da werden noch die Fetzen fliegen, denn ich glaube nicht, dass unsere Gesellschaft, das alles so hinnehmen wird.“

In China gibt es noch mehr alte Menschen als bei uns.

In China ist die Problematik noch ein wenig heftiger als bei uns. Als Folge der Ein-Kind-Politik wird die Bevölkerung immer älter. 240 Millionen Chinesen sind heute 60 Jahre oder älter. Immer weniger Menschen im arbeitsfähigen Alter müssen daher für eine immer größere Zahl von Rentnern aufkommen. Bei den Rentenkassen kommen auf einen Rentenempfänger nur drei Beitragszahler.

Die Parteiführung hatte nicht bedacht, dass mit steigendem Wohlstand auch die Lebenserwartung steigen würde. Diese lag 1945, bei der Gründung der Volksrepublik, bei 35 Jahren, 1980 schon bei 66 Jahren und heute wird der Durchschnittschinese bereits 77 Jahre alt. Die Ausgaben im Rentensystem steigen daher stetig, zumal man in China im Schnitt bereits mit 58 Jahren in Rente geht.

Bis zum Jahr 2055 rechnet man damit, dass jeder dritte Chinese über 60 Jahre alt sein wird. Die Anzahl der Alters- und Pflegeheime hat sich zwar vervielfacht, aber kein Chinese, der auch nur irgendeine eine kleine Alternative sieht, würde sich freiwillig in ein Heim begeben, da das jeglicher Tradition widerspricht.

Die hiesigen Senioren haben daher ihr Schicksal selbst in die Hand genommen und sich in unterschiedlichsten Selbsthilfegruppen organisiert. Es gibt sogar landesweite Beauty-Contests für alte Menschen. Außerdem haben die Senioren die Fitness für sich entdeckt. Während meine jüngeren chinesischen Bekanntschaften vor lauter Arbeit kaum Zeit für freizeitliche Aktivitäten haben, sind die Rentner megaaktiv. Sie treffen sich zum Turnen, Tanzen, Singen und Musizieren in öffentlichen Parks.

Ab sieben Uhr morgens tobt im Fuxing Park von Shanghai in den Sommermonaten bereits der Bär. Senioren aus der ganzen Stadt versammeln sich zum kollektiven Workout und fröhlichen Miteinander. Ich habe landesweit nichts erlebt, was mich auch nur annähernd so berührt hatte. Der Park ist ein einziger großer Quell der Lebensfreude. So kann Glück im Ruhestand aussehen. 

Das chinesische Äquivalent zu Herrn Spahn hat zwar vor kurzem ein Gesetz erlassen, das Kindern in Shanghai vorschreibt, ihre Eltern „oft zu besuchen oder Grüße zu schicken“, aber das hat wenig Wirkung geeigt. Daher gehen die Senioren gerne morgens in den Park und nachmittags zu Ikea. Da einige der ärmeren Rentner Zuhause keine Klimaanlage haben, genießen sie es, dass es bei Ikea im Sommer schön kühl und im Winter schön warm ist.

Allein in der Zentralniederlassung von Peking schauen an einem durchschnittlichen Tag rund 30.000 Besucher vorbei, am Sonntag sogar doppelt so viele. Ich hatte letzten September eine Filiale in Shanghai besucht und staunte nicht schlecht: Die Bettenabteilung war voll von Menschen, die ungeniert ein Nickerchen auf den Exponaten machten. In der Couch- und Sesselabteilung das gleiche Bild. Zum Teil zu mehreren auf einer Garnitur dösten sie im Sitzen vor sich hin. Völlig unbeirrt und auch akzeptiert vom Verkaufspersonal.

Das vijia wujiao, das Ikea-Schläfchen, sei mittlerweile ein feststehender Begriff in China, der jedem geläufig sei, erklärte mir ein Mitarbeiter auf meine staunende Nachfrage. „Manche kommen in der Mittagspause, andere kommen zum Spielen mit ihren Kindern und vor allem für viele alte Leute ist es ein Ort der Begegnung, um nicht alleine zu sein.“ 

Es sei ein kleiner Kulturschock für seine schwedischen Arbeitgeber gewesen, als diese 1999 die erste Filiale eröffnet hätten, aber mittlerweile hätten diese sich mit den lokalen Vorlieben arrangiert. Sie würden daher einfach die Bettwäsche etwas öfter wechseln als üblich. Besonders stolz erklärte er mir, dass die chinesischen Filialen weltweit die einzigen seien, in denen, in der Wohnzimmer-Abteilung, keine Papp-Attrappen, sondern echte Fernseher an der Wand hingen. Chinesen würden einfach gerne Fernsehschauen beim Nickerchen.

Wir freuen uns, dass wir so ein populärer Ort der Kommunikation sind. Die meisten Besucher kaufen nichts, aber wenn sie irgendwann mal ein Möbelstück brauchen, ist die Chance groß, dass sie auf uns zurückkommen. Wir wären heute bestimmt nicht so erfolgreich in China, wenn wir die Leute einst vertrieben hätten.“

Die Ikea-Kantine, in der es neben Kötbullar auch Mapo-Tofu gibt, gilt als Eheanbahnungs-Institut.

Das Ikea-Schläfchen hat dem schwedischen Möbelhaus viel Ruhm in den chinesischen Medien beschert, denn die PR-Abteilung des Konzerns hatte die tolerante Geschäftspolitik gekonnt ausgeschlachtet. Vor allem die Tatsache, dass sie auch alten Menschen, die kaum Kaufkraft besitzen, Zuflucht gewähren, hat ihnen viele Pluspunkte im Reich der Mitte eingebracht.

Da die Schweden seit kurzem wieder geöffnet haben, herrscht aktuell Hochbetrieb in den landesweiten 32 Filialen. Ein paar Ehen haben die Quarantäne nicht überlebt. Es gilt somit neue Möbel zu kaufen und bei der Gelegenheit am besten auch gleichen einen neuen Partner zu finden. Die Ikea-Cafeteria ist nämlich seit langem beliebte Kontaktbörse bei den Rentnern. Nicht wenige Senioren haben hier ein spätes zweites Liebesglück gefunden.

Nur Köttbullar lehnen sie ab, wie mir ein paar Rentner erklärten, denn das sei nicht gut für die Libido. Mapo Tofu hingegen sei sehr förderlich. Der in Chili-Brühe servierte Tofu heizt nämlich gut ein und ist aufgrund seiner Konsistenz selbst ohne stabiles Gebiss gut zu essen. Die Schweden haben darauf reagiert. Das Libido-förderliche Gericht ist mittlerweile Standard in allen Filialen. Ja, Herr Spahn, so kann man auch mit Senioren umgehen.

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