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Kokain statt Nikotin

Udo Kier mit Pferd Max von Sydow auf seiner 30.000 qm Ranch in den Bergen vor Palm Springs.

Zum Weltdrogentag: Nach 14-jähriger Drogenabstinenz fällt es mir schon lange nicht mehr schwer, Nein zu sagen, wenn mir Stoff angeboten wird. Nur einmal war es knapp. 

Juni 2016. Steile Wüsten-Sonne bei 33 Grad, die Luft steht, Grillen zirpen, Salamander tummeln sich auf der Veranda und ein Coyote beäugt aus sicherer Entfernung misstrauisch den Mann, der sich da neben einem lebensgroßen rostigen Metallpferd voller Innbrunst in seinem trocknen Garten abmüht. Wer arbeitet denn bei der Hitze im Garten? Warum pflanzt jemand Palmen mitten in der Wüste? Warum trägt der Designer-Klamotten? Warum führt der Selbstgespräche? Hat der Peyote genascht? Die Fragen stehen dem kleinen Viech ins Gesicht geschrieben. Seine Schlussfolgerung auch: Der Typ muss bekloppt sein! Der Coyote hat Recht: Schauspieler Udo Kier ist bekloppt!

Udo spielt seit 30 Jahren mit Stars wie Bruce Willis, Schwarzenegger, Matt Damon, Ben Affleck oder Steve Buscemi.

Sein Metall-Pferd, Max von Sydow, weiß das seit langem, schließlich erlebt es diese David Lynch-Inszenierungen bereits seit 30 Jahren. Womöglich ist Max deswegen irgendwann verstummt und verrostet, weil man bei Udo einfach nicht zu Wort kommt. Udo inszeniert sich nämlich gerne, ganz so, als sei sein Leben ein Kunstfilm, in dem er die Hauptrolle spielt, und er ist dabei genauso schwere Kost wie seine Lars von Trier-Filme. Das bekam ich gleich bei meiner Ankunft in seiner Heimat Palm Springs zu spüren. Zwölf Stunden Flug, vier Stunden LAX-Zoll-Marathon und drei Stunden Autofahrt hatten ihre Spuren hinterlassen, ich ging auf dem Zahnfleisch, wollte nur schlafen, was aber Udo wenig juckte. „Komm Junge, schlafen kannst du, wenn du tot bist, jetzt zeig ich dir erst mal ein bisschen was.“ Klar, dass man da nicht nein sagen kann, wenn einen Deutschlands schillerndster Hollywood-Export schon mal einlädt. Zumal ich dienstlich unterwegs war, Udo hatte einer Homestory für Bunte zugestimmt, einer dieser Schlüssellochblick-Fotostorys, die den privaten Kosmos der Stars zeigen sollen.

Kier hat die Public Library von Palm Sorings gekauft und sie in eine Kunst-Oase verwandelt.

Und Udos Kosmos war es durchaus wert gezeigt zu werden. Nicht die üblichen geschmacklichen Fragwürdigkeiten, die irgendein Innenarchitekt fototauglich drapiert hatte, sondern kunterbunt zusammen gewürfelte Kunst. An den Wänden seines Hauptwohnsitzes, der ehemaligen Public Library von Palm Springs, hängen Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Sigmar Polke, Rosemarie Trockel und Robert Longo, auf dem Boden stehen Sitzklassiker von Charles und Ray Eames, George Nelson, Eero Saarinen und Arno Jacobsen, dazwischen ein paar selbstgefertigte Skulpturen, alles bunt gemischt, so dass man sich ein bisschen wie in einem modernen Kunstmuseum fühlt. 

Und mittendrin Udo, der es genießt, zu jedem einzelnen Exponat eine Story zu erzählen. Dass mir Jetlag-bedingt dabei ständig die Augen zufielen, störte ihn wenig, er bekam wohl zu selten Besuch, als dass er nicht jede Minute seiner Gastgeber-Inszenierung voll hätte auskosten wollen. Schau mal hier, schau mal da, weißt du wo ich das und dies und jenes… das stammt von Frank Sinatra, das habe ich von Schwarzenegger bekommen, das hat mir Lars von Trier geschenkt… Binnen kürzester Zeit hatte ich genug Futter um ein ganzes Buch über ihn zu schreiben, wollte ich aber nicht, brauchte ja nur ein paar Zeilen für die Bunte und brauchte vor allem eins: Schlaf.

Palm Springs ist vor allem bei Rentnern beliebt, da das Klima angenehmer ist als im 180 km entfernten Los Angeles.

Seine Empörung ignorierend also ab ins Pop-Art-Hotel, das er mir empfohlen hatte und gelobend, dass wir uns zum Dinner wiedersehen. Auf dem Weg dahin knallte ich mit dem Wagen vor Übermüdung – ich hatte mich noch nie nüchtern so stoned gefühlt – gegen einen Bordstein, so dass der Reifen platzte, was ich aber nur mitbekam, weil die Felgen nach ein paar Kilometern so viel Funken sprühten, dass mich die Cops anhielten. Ob ich denn blind sei? Was denn mit mir los wäre? Ob ich denn mit einem Drogentest einverstanden wäre?

Klar, aber gerne. Seit Jahren hatte ich sehnsüchtig auf den Moment gewartet, dass mich mal ein Polizist auf Drogenkonsum untersuchen würde, um dann nüchtern zu triumphieren und dadurch all die  traumatisch besetzten früheren Polizeikontrollen wieder wett zu machen. Endlich nun also meine Chance. Leider nur auf fremdem Terrain. Und leider in einem Moment, in dem ich mich irgendwie gar nicht nüchtern fühlte. Ich war total neben der Kappe, hatte Koordinationsstörungen, war regelrecht high. Wer weiß, was da los war mit mir? Vielleich hatte mir der durchgeknallte Udo, der sich ja bekanntermaßen sein Leben lang alles Mögliche eingepfiffen hatte, irgendwas ins Getränk gemischt, aus Gaudi, als Willkommensgeste, oder vielleicht weil er mich verführen wollte, der alte Schwerenöter. Oder vielleicht hatte ich übers Trinkwasser irgendwas zu mir genommen, schließlich tobte im Nachbartal gerade das Coachella-Festival, wer weiß, was für Irre da unterwegs waren.

Coachella-Girls sehen gerne alle irgendwie gleich aus.

Ein klitzekleiner Anflug von Paranoia machte sich breit, zumal ich ja aus unzähligen Filmen wusste, zu was die hiesigen Cops so fähig waren. Noch dazu waren die Jungs schwarz, also womöglich zwei ganz üble Rassisten, die jeden Weißen genüsslich für die jahrelange Unterdrückung ihrer Brüder bezahlen ließen. Da könnte man womöglich ruckzuck im Bunker landen und was die dort selbst mit Nicht-Models so anstellen, ist ja bekannt. Womöglich würde ich Schweinespeck essen müssen und übers Anstaltsradio würde mir John Bon Jovi das Leben zur Hölle machen.

OMG. Warum war ich nur in dieses Scheißland gereist, weiß man doch, dass die hier Bürgerrechte mit Füßen treten, weiß man doch, dass hier gefoltert wird und ständig Unschuldige in der Todeszelle landen. Ich Vollidiot! Da galt es sofort dagegen zu steuern. Erst mal erwähnen, dass man Journalist sei, also kein unwichtiger kleiner Duckmäuser, der die Klappe hält angesichts irgendwelcher Ungerechtigkeiten, sondern einer, mit dem man sich besser nicht anlegt, weil das sonst große Wellen schlagen könnte.

„What paper you write for?“ „Bunte Magazine“ „What’s that?“ „Bunte is german and means Coloured“ „Ah, I understand, so it’s a magazine for coloured people?“ „Ah, yes, it’s very popular in our black community.“ Herrlich,  eine Zeitung für kolorierte Deutsche, darauf wäre ich selbst in meinen wildesten Phantasien nicht gekommen. Sie fanden es großartig, dass es so etwas im fernen Deutschland gab, zumal doch Hitler so ein Rassist gewesen sei, wie sie meinten. „Ach nein, dem ging’s mehr um die Juden. Mit Schwarzen hatte der kein Problem“, hörte ich mich sagen, war irgendwie impulsartig rausgeflutscht. „Ah, die Juden, ja, mit denen haben wir hier auch ganz schön zu kämpfen. Denen gehört fast der ganze Ort.“ „Ja, ein geschäftstüchtiges Völkchen, die Filmindustrie, in der ich mein Geld verdiene, dominieren sie auch“ „Was machen sie denn so?“ „Ich schreibe eine Serie über berühmte schwarze Filmstars.“ „Über wen denn so?“ „Udo Kier zum Beispiel, ein sehr bekannter deutscher Schauspieler.“ Den kannte sie nicht, aber selbst, wenn, hätte ich Udos schwarzen Lebensgefährten als leuchtendes Beispiel für interrassistische Homosexualität ins Feld führen können. Ich hatte sie an der Angel, jetzt bloß nicht lockerlassen.

Halle Berry findet wahrscheinlich jeder Mann scharf.

Ich erwähnte, dass ich in ein paar Tagen Halle Berry treffen würde, was zwar nicht so ganz stimmte, da ich eigentlich nur mit ihrer Schauspiellehrerin, Ivanna Chubbuck, verabredet war, aber egal, die Jungs fanden Halle scharf, natürlich, wer findet die nicht scharf. Das Eis war gebrochen, und als ich dann auch noch fallen ließ, dass ich vor kurzem die Schwester von ihrem Präsidenten getroffen hatte, da Auma Obama bei der Romy Gala in Wien an meinem Nachbartisch gesessen hatte, war ich in ihren Augen ein Held. Und Helden nehmen natürlich keine Drogen, die fahren Autos nur stressbedingt kaputt, weil sie Tag und Nacht damit beschäftigt sind, die Welt zu retten. Klar, dass man da mal einen kaputten Reifen ignoriert, wenn man gerade Halle Berry am Hörer hatte. So einen musste man nicht auf Drogen testen, dem hilft man beim Reifenwechsel und eskortiert ihn dann zum Hotel.

Hotel-Pool-Party: Rauchen verboten, Koksen erlaubt.

Leider war Ausnahmezustand im Hotel, da die vielen bunten Coachella-Vögel hier nächtigten. Also wieder keine Ruhe. Kein gemütliches Nickerchen am Pool. Aber einmal ins Wasser hüpfen und ein Bierchen trinken würde bestimmt auch schon helfen nach der ganzen Aufregung. Ich war gerade aus dem Pool raus, hatte das erste Budweiser geköpft und war im Begriff mir die wahrscheinlich beste Zigarette meines Lebens anzuzünden, als der aufgeregte Barkeeper auf mich zu stürmte. „No smoking, Sir!“ „No smoking at the Pool?“ „No Smoking in the whole Hotel-Area. Sorry, Sir.“ 

Rauchen ging nur bei Udo im Garten.

Das war nicht das erste Mal, dass mir heute das Rauchen verboten wurde, irgendwie scheint dieses Amerika eine einzige große rauchfreie Zone zu sein, voll mit militanten Nikotinpolizisten, deren tägliches Frühstück bestimmt lebensgefährdender ist, als meine leckeren Bioglimmstängel, aber das interessiert die Schweinebande nicht, weil sie einfach nur treu-doof ihren Gesetzen folgten. Und weil sie eine fiese Genugtuung dabei empfinden, arme kleine Raucher wie mich zu schikanieren. Kack Lala Land, du machst es mir nicht leicht, dich zu mögen. Daran änderten auch die vielen College Girls nichts, die laut kreischend um den Pool tanzten und deutlich signalisierten, dass sie Coachella-bedingt heute für alles offen waren. Aber das wäre das letzte gewesen, was mir heute noch gefehlt hätte, ein betrunkenes Arschgeweih zum Sound von Guns ’n Roses vernaschen und danach nicht mal eine qualmen dürfen. Nein, wirklich nicht.

Zumal ich ja später auch noch einen weiteren Gewaltakt mit dem megaanstrengenden Udo zu überstehen hätte. Wie wollte ich das bloß schaffen? Der Barkeeper schien meine Gedanken zu lesen. „Hey Mann, stehst du auf richtig gutes Koks?“ „Nö, ich steh nur auf schlechtes.“ „Haha, very funny. Ich mag dich.“ „Freut mich, dann lass mich eine rauchen.“ „Nein, geht nicht, da krieg ich Ärger.“ „Und bei Koks gibt’s keinen Ärger?“ „Nein, die koksen doch alle hier. Ist Coachella, Mann, ist ganz normal.“ „Verrückte Welt.“ „Also, wie schaut’s aus? Willst du was von dem Koks? Ist echt Hammerstoff, Mann!“ „Kann ich das rauchen?“ „Wie rauchen?“ „Da wo ich herkomme, raucht man Koks.“ „Spinnst Du? Ist viel zu schade zum Rauchen. Das musst du schnupfen.“ „Ich schnupfe nicht.“ „Aber rauchen geht nicht.“ „Sorry, ich will nur eine rauchen, egal ob da Koks drin ist oder nicht.“ „Du bist verrückt, Mann!“ „Ich weiß.“

Ein einsamer Verrückter unter lauter Coachella-Normalos, das war ein Etikett, mit dem ich gut leben konnte. Leider war ich mittlerweile verrückt genug, darüber nachzudenken, ob ich mir nicht vielleicht doch was einpfeifen soll von dem weißen Pulver. Unter diesen widrigen Umständen könnte es vielleicht ganz hilfreich sein. Ich kaute eine gefühlte Ewigkeit auf der Versuchung herum, wägte alle Fürs und Widers ab, bis ich mich schließlich dagegen entschied. Wäre einfach zu dämlich, sich wegen meiner profanen Umstände Koks rein zu pfeifen. Sich, nur um einen Job zu erledigen, in die Liga, der am Pool rumhüpfenden Coachella-Vögel einzureihen? Nein, dazu war der Absprung vom Gift einst zu schwer gewesen, als dass ich es einem Rückfall so einfach machen würde. Irgendwann ist so ein Rückfall dann auch einfach nur noch eine Kosten-Nutzen-Rechnung.

Der Rückfall, der mir was nützen würde, müsste schon von anderem Kaliber sein. Halle Berry, die mich bittet, ihr das Pulver von den Nippeln zu schlecken, ok, da könnte man drüber reden. Da könnte man von zehren, jahrelang womöglich, könnte seinen Enkelkinder noch davon vorschwärmen, wie man damals für diese Wahnsinnsbraut, eine Oscar-Preisträgerin, alles aufs Spiel gesetzt hatte. Das hätte Kraft, das hätte Leidenschaft, das hätte Romantik. Aber mit einem Barkeeper zwischen lauter Arschgeweihen, nur um Udo Kier besser zu ertragen? Udo wer? Meine Enkel würden mich auslachen. Nein, das war’s nicht wert.

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