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Panische Yogis

Die Ausgangsbeschränkung trifft mich nicht so hart wie viele andere. Ich bin kein besonders geselliger Mensch. Mehr als zwei Menschen auf einmal überfordern mich schnell. Partys, Kneipen, Stammtische, Clubs? Nein, danke! Eine 90-minütige Yoga-Klasse ist die maximale Dosis an Gruppenaktivität, die ich gelegentlich ertrage. Und das auch nur an gutgelaunten Tagen. Da 70 schwitzende Körper im Yoga Studio gerade keine Option sind, bin ich auf Alternativen angewiesen. Wie schön, dass die Gutmenschen-Community ihre Kurse weiterhin in Online-Livestreams anbietet. Ein Dutzend Einladungen dieser Art erreichten mich bereits. Zum Teil mit Streaming-Stunden-Preisen von bis zu 18 Euro. Gut, sei ihnen vergönnt, die müssen auch leben, könnte man sagen. Man könnte aber auch sagen, dass sie den Gong nicht gehört haben. In transformativen Zeiten, in denen sich die Energien wandeln und es mehr denn je darum geht, ein neues Wertesystem zu schaffen, fühlen viele Yogis nur eins: Angst um ihre wirtschaftliche Existenz. Ist menschlich, aber halt nicht yogisch.

In Varkala,Kerala mit Saji

Yoga heißt Teilen. Vielleicht die wichtigste Lektion, die ich von meinen Indien-Besuchen im Gedächtnis behalten habe. Niemals hatte mir ein Inder eine Yoga-Stunde in Rechnung gestellt. Eine freiwillige Spende vielleicht, aber mehr auch nicht. Würde gegen jegliche Yogi-Philosophie verstoßen, wie mir Saji einst erklärte. Trotzdem ist Indien nicht wirklich mein Land. Zu laut, zu schmutzig, zu voll und auch zu kriminell. Trotzdem war ich mehrfach dort gewesen. In jungen Jahren, weil die Drogen dort so billig waren, später dann, weil meine spirituellen Berater meinten, dass Indien heilend für mich sein würde. Selbstfindungs-Gedöns. Was man halt so macht als hochsensibles Wesen. 

Patrick Broome

Da Yoga-Stunden in Indien gewöhnungsbedürftig und die Sajis dünngesät sind, hatte ich mir bei meinem letzten Trip ein Video von einer hiesigen Koryphäe mitgenommen: die Spiritual-Warrior-Stunde von Patrick Broome. Seines Zeichens Lehrer der deutschen Fußballnationalmannschaft. Daher gerade gut genug für mich. Und tatsächlich, was unserer Nationalelf im tropischen Brasilien guttat, leistete mir in Indien ebenso gute Dienste. Egal wie dreckig, laut oder auch Kakerlaken besetzt die Bleibe war, in der ich gerade hauste, ich zog meine Warrior-Stunde tapfer durch. Wochenlang, jeden Tag. Selbst wenn ich im Ashram nächtigte, wo sich morgens alle anderen zum kollektiven Yoga versammelten, blieb ich lieber in meiner Hütte.

Sri Ramana Ashram

Allein mit Patrick. Eigentlich eine solide 60-Minuten-Session, in der, der ganze Körper einmal gut durchgerüttelt wird, die man getrost auch längerfristig in seinen Alltag einbauen kann. Trotzdem habe ich seitdem eine latente Aggression gegen Herrn Broome entwickelt. Seine Stimme triggert bei mir Lärm, Schmutz und Elend. Damit werde ich in meiner Quarantäne jetzt erneut konfrontiert. Seit einer Woche übe ich krisenbedingt mit einer kosteneffizienten Raubkopie von Patricks Warrior-Stunde und fühle mich wie in Indien. Und ich mag mich nicht wie in Indien fühlen. 

Dann doch lieber raus in den Wald. Ich habe das Glück einen eigenen Wald zu besitzen. Den Perlacher Forst. Der gehört mir. Das ist bekannt. Also vielleicht nicht in der zuständigen Forstverwaltung, aber die Waldbewohner wissen das sehr wohl. Gewöhnlich lebe ich dort in friedlicher Koexistenz mit der Pflanzen- und Tierwelt und treffe an einem Nachmittag höchstens mal zwei oder drei Hundebesitzer beim Gassi gehen. Das ist vorbei. 

Die ruhigen Zeiten im Perlacher Forst sind vorbei.

Seit Corona herrscht im Perlacher Forst Ausnahmezustand. Ganze Hundestaffeln beherrschen den Wald, Familien mit Kinderwägen blockieren die schmalen Forstwege und Fitnessjunkies haben den Baumbestand mit TRX-Bändern in Beschlag genommen haben. Da ich mein Revier gut kenne, konnte ich anfangs noch ruhige und keimfreie Plätze finden. Das ist seit ein paar Tagen endgültig vorbei.

Im Wald tobt der Bär.

Auf meiner Lieblingslichtung war am Samstagnachmittag tatsächlich ein eng umschlungenes Pärchen zugange, über dem eine Kamera-Drohne schwebte. Es gibt halt nichts, was es nicht gibt. Sei Pornhub ja vergönnt, dass ihre User auch in Krisenzeiten kreativ bleiben, aber bitte nicht in meinem Wald! 

Am liebsten wäre ich jetzt auf meiner Tiroler Berghütte. Die liegt nur fünf Kilometer hinter der Deutsch-Österreichischen Grenze und trotzdem mitten im Nirgendwo. Keine Menschen. Nur Natur und ein paar wilde Tiere. Wohlgemerkt keine Fledermäuse. Daher keine Gefahrenzone. Die Gemeinde Thiersee hatte mir telefonisch grünes Licht gegeben einzureisen. Ich war sogar schon auf der Salzburger Autobahn als mich im Radio die Nachricht erreichte, dass ich auf der Rückreise nach Deutschland mit einer Quarantäne rechnen müsste. Ein Albtraum nach dem anderen.

Versteck in den Bergen.

Seitdem kocht es in mir. Soll ich über die grüne Grenze durch den Wald hochlaufen zu meiner Berghütte? Von Bayrischzell aus wäre das in drei Stunden locker zu stemmen. Würde niemand mitbekommen. Gefährden würde ich dabei sicher auch niemand. Ein paar Gesetze brechen sehr wohl. Darf man in solchen Zeiten Gesetze brechen, um seinen Arsch zu retten? Söder macht schließlich auch was er will.