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Schwule Genossen

Mao mag sich nicht outen.

Mao ist 27 und sieht eher aus wie 33. Das ist ungewöhnlich, normal sehen Chinesen aus unserem Blickwinkel eher jünger aus als sie tatsächlich sind. Vielleicht liegt es daran, dass Mao so viel arbeitet. 70 bis 80 Stunden die Woche sind normal für ihn. Mao sitzt in der Chefetage von einem der größten Unternehmen des Landes. Ein Spitzenjob, der ihm viel Geld und Anerkennung einbringt. Da Mao homosexuell ist, heißt er in Wahrheit nicht Mao. Wir haben ein Pseudonym vereinbart, um seinen Ruf nicht zu schädigen.

Mao schien mir passend, denn unter dem einstigen Landesführer Mao Zedong wurden Homosexuelle zwar verfolgt, aber es gibt auch Gerüchte, dass er der gleichgeschlechtlichen Liebe nicht abgeneigt gewesen sein soll. Sein Leibarzt, Dr. Li Zjisui, berichtet in seiner Autobiographie („Ich war Maos Leibarzt“) über derlei Aktivitäten seines berühmten Patienten.

Auch in den alten Kaiserreichen soll gleichgeschlechtliche Liebe weit verbreitet gewesen sein. Es gibt verschiedene Berichte und auch Illustrationen, die dies belegen. Demnach soll Homosexualität in der Song-, Ming- und Qing-Dynastie gang und gebe gewesen sein. Im Gegensatz zu der mittelalterlichen Sodomiterverfolgung in Europa, soll es im alten China kaum Diskriminierung gegenüber Homosexuellen gegeben haben. Die Homophobie soll erst Anfang des 20. Jahrhunderts, mit den Westlern ins Land eingezogen sein.

Wie auch immer es genau gewesen ist, es existiert heute eine gewisse Homophobie im Land. „Du wirst nicht verfolgt und verlierst auch nicht deinen Job deswegen, aber man ist trotzdem gut beraten, sich nicht zu outen“, erklärt Mao. Dabei lebt Mao in Shanghai, wo die LGBTQ-Szene (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer), neben Hongkong, am größten ist. Es gibt Bars, Clubs und sogar eineinschlägiges Film Festival. Die jungen Großstadtchinesen stehen gleichgeschlechtlicher Liebe dementsprechend tolerant gegenüber.

Die wenigsten der 40 Millionen Tōngzhì zeigen, wie hier auf einem LGBTQ-Festival, öffentlich Flagge.

Auch die Regierung hat der landesweiten Existenz von 40 Millionen Tōngzhì, chinesisch für schwule Genossen, lange Rechnung getragen. 1997 wurde das, aus der Kulturrevolution stammende, Gesetz, wonach Geschlechtsverkehr unter Männern unter Strafe stand, abgeschafft. Und seit 2001 hat die Regierung Homosexualität auch aus der Liste der psychischen Erkrankungen gestrichen. Aber eine gleichgeschlechtliche Ehe, wie sie in Taiwan mittlerweile möglich ist, ist trotzdem nicht gestattet. Dafür spielt die heterosexuelle Ehe hierzulande eine zu große Rolle, da sie nach Auffassung des Staates zur Stabilität des Landes beiträgt.

Nach einer Studie der Vereinten Nationen mit 18.000 Befragten wollen 95 Prozent der Schwulen und Lesben in China sich nicht outen. Womöglich, weil ihnen seit klein auf vermittelt wurde, dass sie eines Tages ein zuo yi ge youyongde ren, ein nützlicher Mensch, sein sollen. Und ein nützlicher Chinese ist immer einer, der sich fortpflanzt und bestrebt ist die Familie zu ernähren. In China gibt es immer noch keine umfassende Altersvorsorge und so sind die Kinder und Enkelkinder zumeist die wichtigste Altersvorsorge, die man hat. Wer keine Familie gründet und für deren Fortbestand sorgt, wird daher gerne als nutzlos betrachtet.

Die gleichgeschlechtliche Ehe ist zwar nicht anerkannt, aber private Hochzeiten gibt es dennoch gelegentlich. Als ein pensionierter Geschichtslehrer seinen ehemaligen Wasserlieferanten in Peking heiratet, verfolgten 12.000 Fans die Zeremonie im Internet.

Für Mao kommt ein chugui, ein „aus dem Schrank kommen“ daher nicht infrage. Allein schon, weil er seine Familie nicht enttäuschen will. Mao entstammt einer Prinzstadt, in der es keine Szene für Gleichgesinnte gibt. Sein Anderssein würde hier auf noch größeres Unverständnis treffen als in Shanghai, zumal Mao Teil einer traditionsbewussten Großfamilie ist.

Eine seiner familiären Verpflichtungen lautet: Karriere. Sein Vater war diesbezüglich mit gutem Beispiel vorangegangen, in dem er für einen internationalen Tech-Konzern als Sales-Manager tätig war. Nur 30 Tage im Jahr bekam der kleine Mao seinen Vater zu sehen, weil dieser für seinen Arbeitgeber das ganze Land bereiste und sich auf seinen Touren gerne mit anderen Frauen vergnügte. „Mein Vater war Opfer seiner Triebe. Das war offensichtlich, auch wenn wir Zuhause nie darüber geredet haben. Meine Mutter wusste das und hat es irgendwie akzeptiert. Meine Mutter und mich hat das umso mehr zusammengeschweißt. Unsere Bindung war so eng, dass ich bis zu meinem zehnten Lebensjahr bei ihr im Bett geschlafen habe.“

Auch private Hochzeiten unter Frauen finden statt. Sie sind zwar nicht behördlich anerkannt, aber es gibt Anwaltskanzleien, die sich auf die wirtschaftliche Absicherung solcher Lebensgemeinschaften spezialisiert haben.

Als er schließlich mit zehn sein erstes eigenes Bett bekommt, hatte Mao bereits seine ersten homoerotischen Träume gehabt. „Ich fing plötzlich an von jungen nackten Männern zu träumen. Dann bin ich immer aufgewacht und war sehr verstört. Ich konnte das nicht einordnen und hatte keine Ahnung, was mir los war.“ Darüber reden konnte er mit niemandem. Auch nicht mit der geliebten Mutter. Mit 13 Jahren nähert er sich dem Thema schließlich via Internet an. „Ich habe mir Bilder von nackten Männern angeschaut und mich zunehmend mit meiner Neigung auseinandergesetzt. Parallel suchte ich nach Erfahrungen mit Mädchen, um rauszufinden, ob ich vielleicht bisexuell bin, merkte aber schnell, dass Frauen keine Option für mich waren. Schließlich habe ich mir selbst eingestanden, dass ich schwul bin.“ Ausleben konnte er seine Neigung trotzdem lange Zeit nicht. Erst als er mit 17 sein Studium beginnt, findet er seinen ersten Partner. Nicht im Hörsaal, oder in der Kantine, sondern via einschlägiger Dating App. 

Mutiges Zeichen: Bei den Gay Games 2018 in Paris stellte China die größte Delegation

Die populärste Gay App nennt sich Blued und gilt mit über 40 Millionen Usern als größtes Social Network ihrer Art weltweit. Gegründet von einem ehemaligen Polizeibeamten und Familienvater. Ma Baoli, 42, führte Jahre lang ein Doppelleben. Jagte tagsüber Verbrecher und betrieb nachts, wenn seine Frau schlief, unter dem Pseudonym Geng Le eine Gay Website namens Danlan.org, chinesisch für hellblau, auf der er Aufklärungsarbeit leistete und Vorsichtsmaßnahmen zur HIV-Prävention veröffentlichte. Ma wollte damit vor allem jungen Homosexuellen das Dilemma ersparen, das er einst durchlitten hatte. Der Sohn eines Fabrikarbeiters aus der nördlichen Küstenstadt Qinhuangdao hatte eigentlich Lehrer werden wollen. Aufgrund der fehlenden Mittel hatte ihn der Vater auf die Polizeiakademie geschickt. In dieser Macho-Umgebung, in der gerne sexistische Zoten über Frauen gerissen wurden, sei ihm zum ersten Mal klargeworden, dass er anders sei, berichtet er später.

Ma Baoli hatte einst während seiner Zeit bei der Polizeiakademie seine Homosexualität entdeckt.

Als er im Unterricht in Kriminalpsychologie schließlich hört, dass Schwule angeblich eine besonders hohe kriminelle Energie in sich trügen, dachte er zunächst, er sei krank. Da er bei Internetrecherchen als bewährte Therapie-Methoden auf Elektroschocks und heterosexuelle Ehe stößt, entscheidet er sich für letzteres, auch weil die Familie Druck machte und es galt die Fassade zu wahren. 16 Jahre lang führte Ma Baoli ein Leben in Lug und Trug, bis seine Vorgesetzten ihm auf die Schliche kamen. Infolge verlor er nicht nur seine Anstellung, sondern auch seine Familie. Da seine Mutter kurz darauf an Krebs erkrankte, stand der Vorwurf im Raum, dass sein Outing die Ursache dafür war. Man einigte sich darauf nie wieder über seine Sexualität zu sprechen.

Mao Baoli ist heute ein erfolgreicher Geschäftsmann. Seine Firma wird mit über 500 Millionen Euro bewertet.

Nach neuen Einnahmequellen suchend, verwandelte der geschasste Polizist seine Website schließlich in die Dating App Blued. Die meisten Angebote in der App, wie das Verabreden zum Date, sind für die Endverbraucher zwar kostenfrei, aber seine User und Werbepartner spielen ihm trotzdem viel Geld ein. Blued bietet nämlich eine Plattform für über 200.000 Anbieter, die, die Gay-Community rund um die Uhr mit Bezahldiensten aus unterschiedlichsten Themenbereichen, wie Fitness, Dating, Musik und Kochen, bespaßen. Nicht wenige der Anbieter machen damit monatlich über 10.000 Euro Umsatz, an denen Bao beteiligt ist. Hinzu kommen immer mehr Werbekunden. Da die Kaufkraft der chinesischen LGBTQ-Szene nach Schätzungen bei jährlich 400 Millionen Euro liegt, hat die Industrie die vermeintliche Randgruppe längst im Visier. Man spricht bereits von einem Rosa-Wirtschaftszweig. Ma Bao hat aufs richtige Pferd gesetzt. Seine Pionierarbeit hat sich bezahlt gemacht. Heute könnte er die Fabrik, in der sein Vater einst arbeitete, locker aufkaufen. Seine 200 Mitarbeiter zählende Firma, mit Headquarter in Peking und einer Dependance in London, wird, sieben Jahre nach Gründung, mit über 500 Millionen Euro bewertet.

Ma Baoli beschäftigt allein im Blued-Headquarter in Beijing 200 Mitarbeiter. Weltweite Expansion ist in der Mache.

Der Großteil der 40 Millionen User befindet sich in China. So wie Mao. Für ihn war es, wie für viele andere auch, die einzige Möglichkeit Gleichgesinnte zu treffen. Sein erster Dating-Partner, Li, war drei Jahre älter als Mao und hatte seine Sexualität schon länger ausgelebt. Fürsorglich oder gar liebevoll ist er mit dem jungfräulichen Mao trotzdem nicht umgegangen.

„Das hatte nichts mit Romantik oder Liebe zu tun. Er hat mich nicht respektiert, sondern mich einfach nur wie einen Hund vergewaltigt. Ich war sein Spielzeug, mit dem er gemacht hat, was er wollte. Das hatte nichts mit dem zu tun, was ich mir ursprünglich mal gewünscht oder erhofft hatte. Trotzdem habe ich acht Monate lang alles ertragen, bis er mich abservierte.“ Das sei eine Erleichterung gewesen, denn er hätte trotz allem nicht die Kraft gehabt, sich ihm zu verweigern.

Die megaerfolgreiche Web-Serie "Shangyin - Addicted", rund um zwei sich liebende Jungs, wurde 2016 nach wenigen Episoden verboten.

Seitdem ist Mao Single. Sex hat er, dank Blued, trotzdem regelmäßig. „Das ist einfach, da es viele wie mich gibt, die ihre Sexualität ausschließlich auf diesem Weg ausleben. Trotzdem ist das Internet Fluch und Segen zugleich. Da das Angebot groß ist, ist die Fluktuation auch groß. Ich langweile mich schnell und wechsle die Partner häufig. Mit vielen treffe ich mich nur einmal. Von echter Liebe kann da keine Rede sein. Manchmal kenne ich nicht mal ihre Namen, wenn sie mein Bett verlassen. Den meisten meiner Freunde geht es ähnlich.“ In echten Lebensgemeinschaften würden nur wenige leben, auch weil das ein Bekennen zur Homosexualität voraussetzen würde. „Dafür wirst du zwar nicht gesteinigt, aber die Folgen sind einfach unbequem. Selbst in meiner Firma, in der vowiegend junge Menschen arbeiten, würde ich bestimmt ausgegrenzt werden.“

Andy (re.), der schwule Türsteher vom Heyday Jazz Club in Shanghai hatte mir Mao vorgestellt.

So ist dann ein wildfremder Deutscher der erste Heterosexuelle, gegenüber dem Mao sich offenbart. Auf der Suche nach einem Gesprächspartner, der mir ein paar Einblicke in die lokale Gay Szene gibt, hatte man mir Mao vermittelt. Er hatte sofort eingewilligt, als ich ihn via WeChat kontaktierte. Trotzdem hatte ich Mühe gehabt, ihn zum Gespräch zu treffen. Ein halbes Dutzend Verabredungen hatte Mao mir in letzter Minute abgesagt, weil ihm immer berufliche Termine dazwischengekommen waren. Ich musste ihn schließlich mit dem Taxi von seinem Büro abholen. Die Fahrten vom Büro nach Hause waren tatsächlich die einzigen dreißig Minuten am Tag, an denen der Yuppie nicht verplant war. Eine 80 Stunden Woche sei für ihn nichts Ungewöhnliches, wie er mir erklärte. So fand unser Gespräch in drei Etappen, während drei verschiedenen Taxifahrten statt. Dreimal dreißig bewegende Minuten.

Im Business Disctrict Shanghai-Pudong verbringt Mao 80 Stunden die Woche. Keiner seiner Kollegen weiß von seiner sexuellen Orientierung.

Für den jungen Mann war unser Gespräch wohl eine Art Befreiungsschlag. Es sprudelte nur so heraus aus ihm. Viele Fragen musste ich nicht stellen. Ein paar Antworten, wie den Namen der Dating App Blued, kritzelte er auf Papier, weil er Angst hatte, dass der Taxifahrer, obgleich der kein Englisch sprach, etwas mitbekommen könne. Mao ist anscheinend immer auf der Hut. Tunlichst aufs Image bedacht. Dass Mao Gay ist, sieht man ihm oberflächlich betrachtet, nicht an. Dass Verpackung und Inhalt nicht deckungsgleich sind, merke ich nach kurzem Gespräch schon. Er ist nicht der rigide Business-Typ, den er gerne vorgibt zu sein. In ihm wohnt ein kleiner Junge. Verletzt, scheu und auch traurig. Das merke ich vor allem, wenn ich über Liebe spreche. Liebe scheint er nicht zu kennen. Er kennt nur Sex.

Und als ich ihm schließlich im letzten Gespräch sage, dass ich überzeugt davon sei, dass seine Mutter über seine sexuelle Orientierung Bescheid wisse, bekommt er feuchte Augen. „Glaubst du wirklich?“ „Ja, da bin ich mir sicher.“ „Wieso?“ „Mütter spüren so etwas. Umso mehr, wenn man mit ihnen so stark verbunden ist wie du.“ „Ich hatte auch schon mal das Gefühl, dass sie Bescheid weiß. Vielleicht schweigt sie aus Höflichkeit, genauso wie sie bei den Geliebten meines Vaters geschwiegen hat“ „Vielleicht schweigt sie aus Liebe zu dir.“ „Aus Liebe? Meinst Du?“ „Ja.“ „Ja, vielleicht liebt sie mich tatsächlich so wie ich bin.“ Mao laufen die Tränen runter. Unsere Fahrt ist zu Ende.

Mao: "Da sich immer mehr von uns in erfolgreichen Positionen von großen Unternehmen befinden, müssen sie uns kurz über lang völlig akzeptieren. Wenn du in China gut arbeitest und zum Wachstum des Landes beiträgst, dann stehen dir alle Türen offen. Daher wird auch die Homo-Ehe auf Dauer nicht aufzuhalten sein."
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