Zum Inhalt springen

Leben und Sterben in Hongkong

Xi Jinping auf dem derzeit stattfindenden Nationalen Volkskongress in Peking.

Dass auf der Tagung des Nationalen Volkskongresses in Peking gerade ein neues Sicherheitsgesetz vorgelegt wurde, das die Autonomie der Sonderverwaltungszone Hongkong einschränken soll, dürfte Tony wenig interessieren. Tony interessiert sich nicht für Menschenrechte oder Demokratiebewegungen. Der 42-jährige Londoner Banker interessiert sich nur für Geld und Models. Und die Models dürfen gerne aus Russland oder der Ukraine stammen und sollten maximal 28 Jahre alt sein.

Vier solche Kandidatinnen sitzen bei ihm am Tisch, quasi zum Casting, im Dragon-I, dem schicksten Club der Stadt, der sich damit rühmt, mehr Champagner zu verkaufen als alle anderen Tanztempel Hongkongs. Lawrence, der PR-Manager des Clubs, hatte dem Champagnerfreier die Grazien zugeführt. Für wichtige Gäste macht man sowas. Derlei Service ist Tony wichtig. Tony verkehrt nur in wichtigen Etablissements. Tony kennt nur wichtige Menschen. Tony ist selber gerne wichtig.

Tonys Beuteschema wird in Hongkong gut bedient.

Seiner Frau Cecile war er trotzdem nicht wichtig genug gewesen. Die 30-jährige Hongkong-Chinesin hat ihn gerade abserviert und samt der beiden kleinen Kinder, in der schicken Londoner Vorstadthütte sitzen lassen. Ein eiskaltes und undankbares Miststück sei sie, schimpft er. Er hätte sie rausgeholt, aus ihrem chinesischen Drecksloch, ihr die große Welt gezeigt und ihr ein luxuriöses Leben in London beschert.

Die Baifumei (Bai wie weiß, fu wie reich, mei wie hübsch) hatte an London schnell Geschmack gefunden, verkehrte nur in gutsituierten Kreisen und traf andere junge Schönheiten, die es noch besser getroffen hatten als sie. Ihre beste Freundin, eine südkoreanische Schönheitskönigin, hatte sich einen Multimillionär geangelt und verkehrte in Kreisen, die Tony aufgrund seines sechsstelligen Jahreseinkommens verwehrt waren.

Eine typische Baifumei will ihre Schönheit gerne belohnt wissen.

„Plötzlich war ich ihr eine Nummer zu klein. Sie wollte auch so ein großes Haus wie ihre Freundin. Wollte auch Helikopter und Privatjet fliegen. Sie lernte jemand kennen, der ihr das bot. Da hat sie keine Sekunde gezögert.“ Für ihn sei das ein Weckruf gewesen. Er müsse jetzt was ändern in seinem Leben. Nicht sich selbst, sondern die Partnerin. „Mir kommt keine Chinesin mehr ins Haus. Ich will eine Russin oder eine Ukrainerin. Die sind nicht so verwöhnt und dankbarer, wenn man sie aus ihren ärmlichen Verhältnissen befreit.“

Die schöne Jasmine umgibt sich gerne mit schönen Dingen.

Jasmine, 32, hat Mitleid mit dem armen Tony. Sie war einst Trauzeugin von Cecile gewesen und ist empört über die Entwicklung ihrer Freundin. Deswegen stünde sie jetzt dem gehörnten Ehemann zur Seite. Ich hatte Jasmine am Vormittag auf einer Kunstauktion bei Sotheby’s kennengelernt. Jasmine liebt Kunst. Vor allem die Bilder der großen Impressionisten. Und da an diesem Tag ein paar wertvolle Gemälde unter den Hammer kamen, wollte sie dabei sein, auch wenn sie sich selber keines der Werke leisten konnte.

Kunst und vor allem deren Sammlerwert ist längst zum Faktor geworden in China. Unter den zehn Umsatzstärksten Auktionshäusern der Welt befinden sich sieben chinesische Unternehmen. Sie können zwar mit den beiden Weltmarktführern Christie‘s und Sotheby’s nicht mithalten, aber der lokale Mitbewerber Poly Auction setzt allein in China jährlich über eine Milliarde Dollar um. Tendenz steigend.

Das H Queens in HK Central

Allein im imposanten H Queens, einem Glaskasten Galeriehaus, in HK Central wird jährlich mehr Geld bewegt, als auf dem gesamten deutschsprachigen Kunstmarkt. Längst hat die Art Hong Kong, die Art Miami umsatztechnisch überholt.

Die Art Basel von HK wurde Corona-bedingt im März abgesagt.

Jasmine weiß so etwas, den Jasmine interessiert sich nicht nur für Kunst, sondern auch für Geld. Wohl auch ein Grund, warum sie sich vor sechs Jahren hier niedergelassen hat. Jasmine stammt aus Hangzhou, einer kleinen Kreisstadt mit acht Millionen Einwohnern, 190 Kilometer südwestlich von Shanghai. Den malerischen West Lake, von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt, hatte ich öfters aufgesucht, wenn mir das Leben in Shanghai zu viel wurde. Jasmine hat mit malerischer Idylle im echten Leben nicht viel am Hut. Sie träumt von Karriere in der großen weiten Welt. Da sie im frankophil angehauchten Vorort Tianducheng aufgewachsen ist, in dem sich eine Nachbildung des Eifelturms und des Arc Triomphe befindet, war Paris immer Ziel ihrer Träume gewesen.

Der Eifelturm von Hangzhou

Da die Eltern eine gutlaufende Seidenfabrikation besitzen, können sie es sich leisten, der Tochter den Traum zu erfüllen und schicken sie zum Studium nach Paris. Eine lohnenswerte Investition, denn Jasmine ist strebsam, ja sogar ein wenig nerdig, wie sie gerne unterstreicht und findet im Anschluss eine Anstellung in einem der größten Modehäuser Frankreichs. Die schicken sie nach Hong Kong, um von dort aus, das chinesische Marketing zu leiten.

Natürlich nach Hong Kong Central, dem Business-Distrikt. Der Central District, ein zwölf Quadratkilometer großes Viertel auf Hong Kong Island, ist der älteste Stadtteil der 7,5 Millionen-Einwohner-Metropole. 250.000 Menschen leben hier, wo die Stadt am teuersten, am engsten und auch am wichtigsten ist. Jasmine lässt es sich monatlich 2.500 Euro kosten, damit sie hier nicht nur arbeiten, sondern auch wohnen darf. Auf 40 Quadratmetern. Für eine moderne Hong Kong-Chinesin offensichtlich kein Thema. 

HK Central - noch enger und teurer geht nicht.

Ein chinesischer Mann kommt für sie nicht infrage. Dafür hat sie zu viel Gefallen an den Ausländern gefunden, mit denen sie sich umgibt. Schicke Dinner im Sternerestaurant, Cocktail auf Dachterrassen von Nobelhotels, sonntäglicher Brunch im Yachthafen, Hongkong verwöhnt junge Damen wie Jasmine. Der richtige Mann fürs Leben ist ihr dennoch verwehrt. „Es gibt so viele junge Frauen, die sich den Ausländern an den Hals werfen. So bin ich nicht, ich will erobert werden.“ Ihr Mister Right solle High Class sein. Er müsse Charme und Humor haben, traditionsbewusst sein, warmherzig und fürsorglich sein und müsste viel Selbstvertrauen ausstrahlen. „Ich würde so gerne solch einen Mann heiraten und mit ihm ein paar hochwertige Mix-Babys zeugen.“

Jasmine hat hohe Ziele.

Und da man solche Märchenprinzen, wenn überhaupt, nur in Hongkong Central antrifft, verlässt sie ihr Viertel so gut wie nie. „Warum auch? Ich habe hier alles, was ich brauche. Der Rest von Hongkong ist ohnehin nicht lebenswert.“ Mit der Protestbewegung hat sie, trotz aller gelebter Modernität, nicht viel gemein. „Sie sorgen für viel Unruhe, das ist nicht gut für unsere Wirtschaft. Sie sehen die großen Zusammenhänge nicht. Wir gehören natürlich zu China. Und China gehört die Zukunft.“

Ihre Zukunft sieht sie trotzdem nicht in Hongkong. „Die Glanzzeiten sind vorbei. Shanghai hat uns den Rang abgelaufen. Es macht keinen Spaß mehr hier zu leben.“ Ein Jahr wolle sie noch aushalten, denn dann sei sie sieben Jahre hier und hätte Anspruch auf eine Residence Permit – solch eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung sei, trotz allem, noch immer erstrebenswert. „Man ist einfach einen Tick freier als im Rest des Landes.“

Nelson ist einer von 18.000 Taxifahrern in der 7,5 Mio. Einwohner-Stadt Hongkong

Nelson, 63, hat Jasmine womöglich schon mal chauffiert. 40 Jahre lang war er, bis auf ein paar kurze Urlaube in seiner alten Heimat Shanghai, fast täglich als Taxifahrer unterwegs gewesen, bis ihm vor fünf Jahren gekündigt wurde. „Mit 58 hat man mich einfach abserviert und in den Zwangsruhestand geschickt. Das machen die Taxifirmen hier so, wenn sie die Chance sehen, dich durch einen jüngeren und billigeren Fahrer zu ersetzen. Bei 18.000 aktiven Taxifahrern muss man da nicht zimperlich sein.“

Der Nachwuchs wäre oft mit Verträgen zufrieden, die ihnen weniger einbringen, als die 1.200 Euro, die er im Schnitt monatlich machen würde. Das sei traurig, aber so liefe das hier nun mal. Da müsse man sich mit arrangieren und schauen, dass man trotzdem noch irgendwo unterkomme. „Nicht arbeiten kommt für mich nicht infrage. In Hongkong arbeiten alle. Das Tempo ist hoch, der Druck groß, wenn du dann plötzlich aussteigst, dann stirbst du. Das passiert hier ständig. Jeder hat Angst vor dem Rentenalter. Irgendeine Aufgabe braucht man hier zum Überleben.“

Die Lebenserwartung von alten Menschen in HK ist niedirger als auf dem chinesischen Festland.

Deswegen hat er solange gebettelt, bis sie ihn zurückgenommen haben. Als Aushilfe in der Taxizentrale und gelegentlich als Fahrer wenn Not am Mann ist. Für Nelson ist das akzeptabel. Alles besser als nichts tun. Rückblickend würde er trotzdem alles wieder genauso machen. Vor 50 Jahren sei er mit seiner Familie von Shenzhen aus mit dem Boot rüber gepaddelt. „Weil meine Eltern mir eine bessere Zukunft bieten wollten. Die habe ich hier gefunden. Die Regierung unterstützt uns einfache Leute mit Sozialwohnungen. Das müssen sie, denn sonst würde hier alles zusammenbrechen, da sich kein Dienstleister das Leben hier leisten könnte.“

Natürlich haben weder er noch seine Kollegen Zeit, um sich an den Protestbewegungen zu beteiligen. „Ich würde auch gerne mal meine Solidarität bekunden, aber kein berufstätiger Mensch in Hongkong hat Zeit für sowas. Die Mühle dreht sich zu schnell. Deswegen sieht man bei den Demos auch fast nur Kinder.“

Nelson brachte mich zum Shek O Beach - nur 40 MInuten vom Zentrum, aber dennoch eine ganz andere Welt.

Wenn es keine Nelsons gäbe, würde HK kollabieren. Jasmine könnte sich ihre hohe Appartement-Miete wahrscheinlich nicht leisten. Nelsons Sozialwohnung, in der er mit seiner Frau lebt und in der er seine Tochter großgezogen hat, misst ebenfalls 40 Quadratmeter. Allerdings kostet sie keine 2.500 Euro, sondern 300 Euro. Glücklicher als Jasmine wirkt er trotzdem.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: