Zum Inhalt springen

Sucht in China

Dr. Werner Singer leistet suchtmedizinische Entwicklungshilfe in China

Bo hat sich in die Hosen gemacht. Jetzt sitzt er da, im eigenen Saft und stinkt und schimpft. Er würde gegen seinen Willen festgehalten, man hätte ihn gekidnappt, man würde ihn foltern, ein großes Unrecht sei das, zumal er doch gar nichts verbrochen habe und ein ganz normaler Junge sei. Bo schluchzt, jammert und weint, aber Werner Singer kann er damit nicht beeindrucken.

Der Münchner Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin hat in seiner Karriere schon weitaus schlimmere Patienten erlebt. Der 76-jährige Suchtexperte, einst Leiter von drei süddeutschen Rehakliniken des Deutschen Ordens, ist als Berater in der Pekinger Klinik für Internetabhängigkeit seines chinesischen Kollegen Dr. Tao Ran tätig.

Prof. Tao Ran heilt mit moderner Psychotherappie und militärischer Disziplin.

Bo ist einer der 80 Patienten, die in Tao Rans Klinik auf Digital-Entzug Höllenqualen erleiden. Bo ist 17 Jahre jung und hat bis vor einer Woche noch Windeln getragen, damit er seine Internet-Spielereien nicht durch zeitraubende Toilettengänge unterbrechen musste. Sein Schließmuskel muss daher neu trainiert werden. Er hatte drei Jahre, von der Außenwelt isoliert, in seinem Zimmer verbracht, die Schule geschwänzt und die Tür nur geöffnet, damit die Mutter ihm das Essen reinreichen konnte.

Die verzweifelte Frau hatte schließlich ein paar Ex-Militärs engagiert, die ihren Sohn gewaltsam in die Klink von Tao Ran brachten. Kidnapping halt. Oder einfach nur elterlich verordnete Zwangstherapie, wie Singer meint. Das sei auch in Deutschland üblich. Zwar nicht mit solch rabiaten Methoden, aber ein 17-jähriger Junkie, egal ob der Heroin spritze oder Pokemon-süchtig sei, würde sich niemals freiwillig einer stationären Entwöhnungsbehandlung unterziehen. „Da steckt immer Zwang dahinter. Entweder vom Staatsanwalt oder den Eltern.“ Insofern nichts Neues für Singer.

Werner Singers Kenntnisse sind hochgeschätzt im medizinischen Team von Tao Ran

Neu jedoch, dass die besorgte Mutter gelegentlich ungebeten in seine Sitzungen reinplatzt. Die besorgten Eltern der Patienten – Altersgruppe zwischen 14 und 25 Jahren – haben sich nämlich allesamt im benachbarten Angehörigenhaus der Klinik eingemietet und ignorieren gerne therapeutische Grundregeln, wenn es um das Wohl ihres geliebten Einzelkindes geht.

Eine Folge der Einkind-Politik – Kinder werden gerne maßlos verwöhnt. Singer regt das auf. „Vor hundert Jahren habt ihr euren Kaiser entmachtet, damit ihr heute wieder lauter neue kleine Kaiser aufzieht“, knallt er den Eltern gerne in solchen Momenten um die Ohren. Über den Spruch würden die Eltern zwar immer lachen, aber kapieren würden sie ihn nicht.

Sechs bis neun Monate dauert ein Aufenthalt in der Klinik von Tao Ran, der parallel auch noch Heroin-Abhängige in einer Militärambulanz behandelt. Mit Kosten von 80 Euro am Tag muss da oft die ganze Verwandtschaft zusammenlegen, damit der Sprössling wieder fit wird. Sechs Uhr aufstehen, Singen, Frühsport, Gruppentherapie, wieder Sport – der Tag ist minutiös durchstrukturiert. In den Grundzügen nicht viel anders als in Singers ehemaligen deutschen Suchtkliniken, nur dass viel mehr Druck ausgeübt werden muss.

„Freiwillig passiert hier gar nichts. Du hast es oft mit emotionalen Analphabeten zutun und eine Gruppendynamik, wie sie in deutschen Gruppentherapien angestrebt wird, ist in China zumeist nicht möglich. Als ich hier das erste Mal eine Gruppensitzung leitete und einen der aufsässigen Totalverweigerer rausschmiss, baten mich sofort ein halbes Dutzend andere Patienten, ob ich sie nicht bitte auch rausschmeißen könne.“

Prof. Singer lehrt an der Southern Medical University in Guangzhou mit Hilfe von Diplompsychologin und Dozentin Quingyun Du

Singer hat dazu gelernt und wird aufgrund seines profunden Fachwissens mittlerweile im ganzen Land herumgereicht. Er hält Vorträge, berät Kliniken und hat eine Professur an der Uni von Guangzhou, wo er angehende Psychiater in Grundlagen der Psychotherapie einführen soll.

„Es ist eine ganz andere Welt als bei uns. Die Studenten sind in der Regel zwar sehr belesen und haben ein unglaubliches Wissen, aber keine Ahnung, wie sie es anwenden sollen. Die chinesische Lieblingsdiagnose, wenn jemand nicht rundläuft, lautet: Bipolare Störung. Das ist eine heftige Diagnose. Ein wirklich schlimmes Krankheitsbild, das oft im Suizid endet. Die meisten Bipolaren, die sie mir zeigen, sind jedoch allerhöchstens depressiv verstimmt.“

Pionier-Arbeit müsse er deshalb leisten. Ihnen beibringen wie man Patienten behandle, ohne sie zu manipulieren. „Manipulation ist ein bewährtes Mittel in diesem Land. Genauso wie Kontrolle. Probleme beantwortet der Staat gerne mit Kontrolle. Und was sich im Makrokosmus findet, das findet sich natürlich auch im Mikrokosmus.“

Opium rauchen hat zwar eine lange Tradition in China, aber nach den berühmten Opiumhöhlen habe ich vergebens gesucht.

Nach Ende des Opiumkrieges galt das Land lange Zeit als relativ drogenfrei. Mit gelockerter Grenzpolitik, ansteigendem Wohlstand und größerer individuellen Freiheit ging jedoch ein Anstieg der Drogenabhängigkeit einher. Von 1990 bis 2017 ist die Anzahl der registrierten Drogenabhängigen von 70.000 auf 2,5 Millionen angestiegen. Selbst wenn man die Zahl wahrscheinlich verdoppeln kann, ist das, gemessen an den 271 Millionen Drogenkonsumenten und 35 Millionen Schwerstabhängigen weltweit, keine dramatische Zahl, wenn man die Landesgröße bedenkt.

Jedoch sind die 30 Millionen Internetabhängigen in der Statistik nicht bedacht. Für den Mediziner Singer macht das kaum Unterschied. „Sucht ist Sucht, spielt keine Rolle von was du abhängig bist. Der einzige Unterschied ist die körperliche Verwahrlosung, aber die soziale Verwahrlosung ist die gleiche. Und da an 30 Millionen Internet-Junkies auch 30 Millionen Familien dranhängen, kann man da schon von einem kleinen Flächenbrand sprechen.“

China zählt mehr Online Gamer - 368 Millionen - als die USA Einwohner.

Ein Problem, dem trotzdem weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird, als den illegalen Drogen. Vor allem im Süden des Landes erfreuen sich synthetische Drogen zunehmender Beliebtheit. Etwa 60 Prozent der registrierten Drogenabhängigen konsumieren Meth und Amphetamin. Das ist leichter zu bekommen, beziehungsweise herzustellen. Wer damit Handel treibt, bekommt die volle Wucht des Gesetzes zu spüren. Es gilt: Keine Macht den Drogen!

Und damit die Nachricht klar und deutlich verständlich ist, wurden am 26. Juni 2018, dem Internationalen Tag gegen Drogenmissbrauch und -handel, auf der Südseeinsel Hainan, zwei Dealer öffentlich hingerichtet. Auf dem Sportplatz einer Schule – vor 300 Zeugen, darunter auch ein paar Schüler – hatte die Richterin die Verbrechen der beiden Männer verlesen. Sie hatten im großen Stil mit Crystal Meth gehandelt. Weiteren 17 Drogenhändlern wurde nach der Exekution auch der Prozess gemacht – acht von ihnen wurden ebenfalls zum Tode verurteilt.

Öffentliche Hinrichtung von zwei Meth-Dealern, die in großem Stil gehandelt hatten. Wer mit mehr als 50 Gramm Heroin oder einem Kilo Opium erwischt wird, dem droht die Todesstrafe.

Bei Miriam hatte die chinesische Antidrogenpolitik keine Wirkung gezeigt. Die in Shanghai ansässige 30-jährige Hamburgerin hat sich am Wochenende in den hippen Clubs der Stadt, trotzdem regelmäßig zu gedröhnt. Gerne mit Kokain oder Ecstasy. Zur Not auch mal mit Amphetamin. Man nimmt was man kriegt. Und irgendwas gab es immer, was die Shanghaier Nächte länger und bunter werden ließen. Über Jahre lief das so in Shanghai.

Angeblich hätte die Polizei ein Auge zugedrückt, damit sich die umworbenen ausländischen Expats wohl fühlten im fremden Land. Ein Gentleman-Agreement soll es sogar gegeben haben zwischen Afrikanern und der Polizei, wonach diese Ausländer straffrei mit Drogen beliefern durften. Wohlgemerkt nur Ausländer. Ich hatte in Peking ähnliches gehört und hatte sogar von ein paar Schwarzafrikanern via Instagram einen Heimlieferservice angeboten bekommen.

Shanghai schien mir vergleichsweise drogenfrei. Zumindest war mir nichts aufgefallen. Bis ich Miriam traf. Miriam hatte zu spüren bekommen, was es bedeutet, sich chinesischen Gesetzen zu widersetzen. Mitten in der Nacht hätten sie Beamte Zuhause abgeholt und mit aufs Revier genommen. 24 Stunden verbrachte sie in einer Einzelzelle. In Handschellen an einen Stuhl gekettet und ohne weitere Erklärung.

„Nach 24 Stunden voller Angst, kam schließlich ein Zivilbeamter in meine Zelle, mit Kaffee und Zigaretten, ganz so, wie man das von TV-Cops kennt, die dein Vertrauen gewinnen wollen. Er war ausgesprochen freundlich und meinte: ‚Miriam, wir freuen uns, dass du in unserem Land bist. Du hast dir hier was Schönes aufgebaut. Das solltest du dir nicht durch Drogen kaputt machen. Du verkehrst mit schlechten Menschen. Sie sind nicht gut für dich. Und sie sind nicht gut für China.‘ Er wollte, dass ich ihm die Namen meiner Drogenbekanntschaften nenne.“

Miriam weigerte sich. Vergebens. Der freundliche Beamte kannte die Namen ohnehin. Er hatte ein Stapel Papiere dabei, in denen sich Miriams komplette WeChat-Protokolle der letzten Jahre wiederfanden. „Er konnte mir genau sagen, mit wem ich mich am Samstagabend vor drei Jahren zur Ecstasy-Übergabe um 23 Uhr verabredet hatte. Er konnte alles minutiös dokumentieren. Weder ich noch irgendeiner meiner Freunde hatten jemals auf WeChat Vorsicht walten lassen. WeChat ist hierzulande so eine Selbstverständlichkeit, kein Mensch käme auf die Idee, sich da zurückzunehmen.“

Dumm gelaufen. Die Vorstellung, dass man in einem Land wie China abgehört wird, ist ja auch zu absurd.

Wenn mein Namensvetter im angesagtesten Club der Stadt, dem Mint Club, auflegt, wird es sicher totzdem nicht an Stimulanzien fehlen.

Miriam ist schließlich eingeknickt. Durfte wieder nach Hause gehen und weitermachen. Allerdings ohne illegale Drogen. „Wenn ich mich heute zu dröhnen will, dann gehe ich zum Arzt und lasse mir Pharmazeutika verschreiben. Das geht, wenn du den richtigen Arzt kennst und genug Geld hast. Aber illegale Drogen sind nur noch sehr schwer zu bekommen. Ich habe deswegen große Teile meines westlichen Freundeskreises verloren. Viele lebten gerade deswegen so gerne in Shanghai, weil hier die Post abging. Jetzt wird hier nur noch mit angezogener Handbremse gefeiert. Deswegen haben viele der Partypeople das Land verlassen, weil ihnen Shanghai ohne Drogen einfach nicht mehr spaßig genug war.“

Da haben die örtlichen Behörden wohl einiges richtig gemacht. Oder auch dazu gelernt und sich daran erinnert, was einst dabei rauskam, als die Briten während der Kolonialzeit das Volk mit Opium belieferte und sie süchtig und somit gefügig machten. Hongkong haben sie dadurch verloren. Shanghai werden sie nicht verlieren.

Bo hat bei Tao Ran das Lesen neu erlernt. Und auf Toilette geht er jetzt auch wieder.
Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: