Zum Inhalt springen

Verliebt in China

Podcast

Visafrei nach China! Nein, das ist kein Witz, sondern seit Dezember 2023 Realität. Vorausgesetzt man hat einen deutschen, italienischen, französischen, malaysischen, spanischen oder niederländischen Reisepass und bleibt nicht länger als 15 Tage im Land.

In Zeiten, die von Krieg, Terror und Abschottung geprägt sind, die wahrscheinlich schönste Nachricht des Jahres. Auch wenn Peking damit vordergründig die angeschlagene Wirtschaft wieder ankurbeln möchte, so ist das dennoch eine Riesengeste in Sachen Völkerverständigung, die vor Kurzem noch unvorstellbar war.

Man kann jetzt also ganz spontan zum Shopping nach Guangzhou, zum Zocken nach Macau oder zum Skifahren nach Peking fliegen. Der ach so totalitäre Überwachungsstaat ist damit zugänglicher als so manch demokratische Westmacht. Ja, ein Trip nach Shanghai ist damit so einfach wie ein Trip nach Paris. Mit dem Vorteil, dass es in Shanghai deutlich weniger Franzosen gibt.

Im W Hotel Shanghai The Bund kann man es durchaus aushalten.

Danke, Peking!

Für mich daher der ideale Zeitpunkt, um mein Buch „Verliebt in China“ zu veröffentlichen. Ja, das chinesische Außenministerium war so nett, seine Visa-Politik im Vorfeld mit mir abzusprechen. Vielen Dank an dieser Stelle.

Nachdem dieser Blog auch nach fünf Jahren immer noch gern gelesen wird und ich Feedback aus allen Teilen der Welt erhalte, war es an der Zeit, meine Abenteuer in Buchform herauszubringen. Wohlgemerkt befinden sich in dem Buch weit mehr Geschichten, als in diesem Blog bisher zu lesen waren.

Die Veröffentlichung war kein Spaziergang. Mein Manuskript lag jedem namhaften deutschen Verlag vor, und die Absagen waren nicht selten rassistisch motiviert:

„Wir sehen keinen Anlass für jedwede Liebesbekundungen zu China.“

„Ihren wohlwollenden Blick auf dieses Land teilen wir nicht.“

 

„Können Sie sich vorstellen, das Buch auf die tragischen Passagen rund um die Ein-Kind-Politik zu reduzieren?“

 

„Schreibstil und Absender gefallen uns gut. Aber China wollen wir nicht. Könnten Sie sich vorstellen, die gleiche Geschichte in einem anderen Land stattfinden zu lassen?“

Nein, kann ich mir nicht vorstellen, ihr Pappnasen!

Nach mehreren Absagen dieser Art habe ich das Buch selbst verlegt. Dank Amazon ist das möglich. Ich habe viel Zeit, Geld und Mühe investiert und hoffe, das Ergebnis kann sich sehen und lesen lassen. Zunächst nur auf Deutsch, aber demnächst auch auf Englisch.

  • VERLIEBT IN CHINA – Ein privater Blick hinter die Kulissen der Supermacht

  • ISBN 978-3-00-077399-0

  • Copyright © Armin Lissfeld

  • Taschenbuch (264 Seiten, 113 Farbfotos) 20,- €, Kindle E-Book 9,99 €, Kindle Unlimited 0 €

Anlässlich der Buchpremiere hier das erste Kapitel:

Bitte sei mehr Hollywoodstar!

„Look left. Look light. Smile. Less smile. Mo smile. No so much. Diffelent smile please.” Die zwölf Chinesen, die um mich herumwuseln, sind nicht zufrieden mit meinem Lächeln. Das merkt man, auch, wenn man kein Chinesisch spricht. Sie lächeln zwar betont freundlich, was Chinesen ja angeblich gerne tun, aber ihr Gesichtsausdruck spricht eine andere Sprache. Ich bin wohl etwas anders, als sie erwartet haben. Das gilt umgekehrt genauso. Alles anders hier.

Wir befinden uns in 338 Meter Höhe, in einer Penthouse-Wohnung des exklusivsten Wolkenkratzers von Shenzhen, an der chinesischen Festlandküste zu Hongkong. Das Nobel-Apartment kostet 60.000 Renmimbi Yuan, kurz RMB, das sind circa 8.000 Euro Miete im Monat. Genauso viel wie der Flat Screen-Fernseher an der Wohnzimmerwand, den es zu bewerben gilt. Ich bin als Model gebucht und soll in einem Werbespot den erfolgreichen Dandy geben, dem angesichts all des Luxus ein breites Grinsen ins Gesicht geschrieben steht. Nur wie breit das sein soll, darüber sind wir uns nicht ganz einig.

Like this you do…

Meine chinesische Bookerin Fiona hat Mühe, mir zu übersetzen, was die anderen ihr auftragen. Nachdem ich ihnen ein halbes Dutzend unbefriedigende Lächeln angeboten habe, zeigt mir schließlich einer auf seinem Smartphone eine kleine Film-sequenz, in der Matthew McConaughey ein Grinsen raushaut, bei dem wahrscheinlich Millionen von Frauen weiche Knie bekommen.

Like this you do.” Okay, ich soll also wie Matthew grinsen. Sagt das doch gleich, Leute. Damit kann ich etwas anfangen. Oder auch nicht. Noch bevor die Dolmetscherin mir nach der nächsten Einstellung den fünfminütigen Dialog mit dem Kameramann kurz und knapp übersetzt – diffelent please –, habe ich schon kapiert, dass ich ihnen nicht genug Matthew war. Freundliche Enttäuschung in ihren Gesichtern.

Wieder kommt einer mit seinem iPhone. Diesmal bekomme ich einen verschmitzt lächelnden Ryan Gosling zu sehen. Like this you do. Okay, dann halt Ryan Gosling. Der Beau ist offensichtlich die zweite Wahl in China. Für mich aber immer noch große Fußstapfen. Ich gebe alles, aber auch diesmal bin ich ihnen nicht genug Gosling.

You get, what you pay!

Es wird diskutiert und gestikuliert. Schließlich bekomme ich Jeff Bridges in „The Big Lebowski“ vorgeführt. Soll er halt den Dude geben, der deutsche Gruftie, wenn er die anderen nicht draufhat. Der Gesichtsausdruck des Regisseurs spricht Bände. Diesmal enttäusche ich nicht. Den Dude habe ich so oft gesehen, den könnte ich sogar mit Text abliefern. Uff, Glück gehabt, dass ich meinen ersten chinesischen Kunden doch noch zufriedenstellen konnte. Also ein wenig zumindest. Er lächelt nachsichtig. Ich auch. You get, what you pay. Für Hollywoodstars hätte er an meine Gage noch zwei Nullen dranhängen müssen.

Wenn man Modeln nicht studiert hat

Darauf hatte der Scout, der mich zehn Jahre zuvor auf dem Münchner Marienplatz angesprochen hatte, nicht vorbereitet. Dass man als Model mal eben so Hollywood-Stars nachstellen muss, hatte Astrid nicht erwähnt. Sie meinte nur, dass ich ein guter Typ im richtigen Alter sei und mit meinem kernigen Gesicht sicher ganz gut als Model arbeiten könnte. Als sogenannter Best Ager, weil im besten Alter und so. Eigentlich bin ich als freischaffender Journalist tätig, aber das beißt sich ja nicht, im Gegenteil, in meiner unsteten Branche sind ein paar extra Einkünfte immer willkommen, sodass es nicht viel Überredungskunst brauchte, um mich darauf einzulassen.

Astrid hatte recht behalten. Im Laufe der Zeit hatten sich die Model-Jobs zu einem netten zweiten Standbein entwickelt. Von Motorrädern, über Brillen, Autos, Banken, Versicherungen, Rasenmähern, Tortellini bis hin zu Dunstabzugshauben, kaum ein Produkt, für das ich meine Visage nicht in die Kamera gehalten hatte. Auch ein paar schöne sonnige Orte hatte ich bereist, hatte in den USA, Südafrika, Spanien und Italien gearbeitet, bis ich schließlich über China gestolpert war.

China? Nein, danke!

Meine Stuttgarter Agentur Brodybookings hatte mir – um meine Abenteuerlust wissend – angeboten, mich an eine Pekinger Partneragentur zu vermitteln. Modern Model Group, der hiesige Marktführer, sei ganz scharf auf mich und würde mir rosige Zeiten prognostizieren. Ihre Gagen seien zwar etwas niedriger als in Europa und die Agenturprovisionen dagegen höher – nicht umsonst boomt die hiesige Marktwirtschaft angesichts solcher Logik – aber dafür gäbe es viel mehr Jobs. Wahrscheinlich würde ich das einzige weiße Model meiner Altersklasse in ganz Peking sein, erklärten die Chinesen mir via E-Mail. Das würde sich zwangsläufig bezahlt machen.

Sag uns, was du brauchst, wir organisieren alles für dich. Visa, Flug, Wohnung, Fahrer, Vorschuss. Das klang vielversprechend. Klar, wenn die Chinesen eine Chance sehen, Geld zu machen, dann geben sie alles. Sollen ja alles raffgierige Karrieristen sein, die nur auf ihren Vorteil bedacht sind. Über Leichen gehen. Kein Herz haben. An nichts glauben, außer an Kohle. Sich einen Dreck um Umweltschutz kümmern. Menschenrechte mit Füßen treten. Kinder wie Sklaven schuften lassen. Und sich zu allem Übel auch noch von ekliger Glutamat-Pampe ernähren.

Ok, aber keine Nacktfotos!

Ich hatte starke Zweifel, dass ich mich in diesem herzlosen Überwachungsstaat wohlfühlen würde. Niemals zuvor war es mir in den Sinn gekommen, China zu bereisen. Warum auch? Warum sollte man so ein System unterstützen? Aber gut, wenn sie mich so nett bitten und mir auch noch Geld dafür bieten, dass ich komme, dann könnte ich das ja mal riskieren. Und ein Abenteuer wäre es sicher allemal. Nachdem ich im Kollegenkreis vergebens nach chinesischen Erfahrungsberichten gesucht hatte, sagte ich einfach zu, auch wenn ich überhaupt keine Ahnung hatte, für welche Art von Werbung sie mich einsetzen würden. Einzige Vorsichtsmaßnahme: Ich ließ NO NUDE in meinem Vertrag schriftlich festhalten. Man weiß ja nie. Andere Länder, andere Sitten und so.

Vorurteile sind einfach doof

Meine Sorge, dass ich im Adamskostüm Werbung für Reisschüsseln machen müsste, war unbegründet. Allein die Fahrt vom Flughafen ins Stadtzentrum Beijings beschämte mich ob meiner rassistischen Fantasien, dass ich es hier mit Hinterwäldlern zu tun haben könnte. So viele Luxuslimousinen bekommt selbst ein Münchner sonst nie zu sehen. Deutsche Markenwagen, mit deutlich sechsstelligem Anschaffungspreis, dominieren das Straßenbild. Gefühlt ist jedes zweite Auto ein Porsche Cayenne, dazwischen ein paar Maserati, Lamborghini, Teslas und Bentleys, nach denen sich hier niemand umdreht. Kendall Jenner und Cara Delevingne sind omnipräsent. Jeder einzelne der drei Gucci Stores, die ich auf dem Weg ins Stadtzentrum passiere, war feudaler als der Flagship-Store in meiner Münchner Nachbarschaft. China ist eine Weltmacht. Die rund 1,4 Milliarden Chinesen stellen bereits seit 2016 die weltweit größte Volkswirtschaft dar. Das hatte ich Depp nicht bedacht.

Ich hatte kaum Zeit, meine Koffer auszupacken, denn auf mich wartete bereits besagter Drehtermin in Shenzhen. Shenzhen liegt knappe drei Flugstunden südlich von Beijing, an der Küste zu Hongkong. Flug war gebucht, Hotel auch. Ich sollte nur eigen-ständig zum Flughafen fahren, einchecken, und vor Ort zum Hotel und am nächsten Morgen zum Drehort. Klingt einfach. Ist es aber zunächst nicht, wenn man kein Chinesisch spricht. Von den 22 Millionen Einwohnern Pekings sprechen nämlich gefühlt vielleicht 22.000 Englisch. Ein Riesenabenteuer. Ohne WeChat nicht zu bewerkstelligen. So wie in diesem Land eigentlich gar nichts läuft ohne WeChat.

Ohne WeChat würde es mein Buch nicht geben.

WeChat ist die asiatische Variante von WhatsApp, die nicht nur als Kommunikationsmittel, sondern auch zur Navigation, als Zahlungsmittel und vieles mehr dient. Ein Großteil der 1,3 Milliarden registrierten Nutzer verwenden die App täglich im Schnitt für mindestens 40 Minuten. Meine Agentur hatte mir Standorte und Flugtickets auf mein WeChat-Konto geschickt, damit ich sie bei Bedarf abrufen konnte. Also rein ins Taxi, dem Fahrer den Standort zeigen und ab zum Flughafen. Wortlos. Check-in am Flughafen und Bordservice im Flieger genauso. Als ich fünf Stunden später erschöpft in Shenzhen ins Hotelbett falle, hatte ich tatsächlich den ganzen Trip bewerkstelligt, ohne mich auch nur einmal artikulieren zu müssen. Herrliche digitale Welt.

Ein Paradies für Luxusschlampen

Ohne Smartphone geht in China gar nichts. Kein Wunder, dass der in Shenzhen ansässige Telekommunikationskonzern Huawei, mit 85,4 Milliarden Euro Jahresumsatz (2022), zu den Weltmarktführern gehört, stehen dem Konzern doch über eine Milliarde Smartphone-süchtige Testimonials zur Marktforschung zur Verfügung. Die 18 Millionen Einwohner Stadt setzt voll auf Technik-Boom. Mit Erfolg. Nirgends in China ist das Pro-Kopf-Einkommen höher als in dem ehemaligen Fischerdorf, das vor 50 Jahren noch 3.000 Einwohner zählte. Heute wird von hier aus die Tech-Welt erobert.

Nicht zuletzt dank meiner bescheidenen Hilfe. Denn mit meiner Visage kann man Luxusgüter verkaufen. Seit Langem hatte ich aufgegeben, an Castings für Bausparverträge und freundliche Familienväter teilzunehmen. Klappt eh nicht. Ich sehe einfach zu posh aus, wie meine Booker zu Hause zu sagen pflegen. Den netten Daddy von nebenan, der fürs familienfreundliche Eigenheim wirbt, kauft mir keiner ab. Den Porschefahrer, Broker, Zigarrenraucher oder Penthouse-Bewohner hingegen sehr wohl. Diese Jobs sind zu Hause dünn gesät. In China hingegen war ich anscheinend genau am richtigen Ort gelandet. Hier könnte ich einfach ich sein, Armin, die Luxusschlampe.

4 Kommentare

  1. weiwei weiwei

    Congrats to the book! Looking forward to reading it already 🙂

  2. Jacqueline Voigt Jacqueline Voigt

    Ein tolles Buch. Absolut lesenswert und sehr kurzweilig. Ich habe das in einem Ruck verschlungen. Vielleicht gibt es ja mal ein Nachfolgebuch. Wäre echt wünscheswert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.