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Zu hässlich für eine Adoption

Podcast

Die Ein-Kind-Politik hat China Wohlstand, aber auch Kummer, Leid und Sorgen gebracht. Begegnung mit einem Opfer.

May stammt aus Fujin, einer kleinen Stadt am östlichsten Zipfel der Volksrepublik China. Von den Bergen ihrer Heimat kann man bis nach Russland sehen. Minus 20 Grad sind im Winter üblich, es wurden auch schon minus 40 gemessen. Im Sommer hat es dafür plus 40 Grad. Wer hier aufgewachsen ist, der ist abgehärtet fürs Leben, den kann nichts mehr erschüttern. Auch nicht, wenn man als hässlich verspottet wird. Allein Mays dunkler Teint und ihre breite Nase reichen aus, um im alten China als unattraktiv zu gelten. Da sie zusätzlich auch noch klein und etwas mollig ist, hat sie doppelt schlechte Karten. Sie gilt als sogenannte Diaosi, was übersetzt soviel wie Looserin bedeutet. Eine Diaosi ist arm, hässlich und hat kein Benehmen. Um in China in den Augen der Allgemeinheit als schön und begehrenswert zu gelten, muss man eine Baifumei sein.

Baifumei - bai wie weiß, fu wie reich, mei wie hübsch

Wahre Werte statt oberflächlicher Schönheit

Obgleich May kostbaren Schmuck verkauft, sind keine dieser Porzellanpüppchen unter ihren Kundinnen, denn May verkauft vor allem Antik-Schmuck, und eine Baifumei würde niemals etwas Altes oder gar Gebrauchtes kaufen. Sie würde ein schnödes Pandora-Teil immer einem hochwertigerem Antik-Stück vorziehen.

May ist trotzdem erfolgreich. Das hat sie einzig ihren Instinkten zu danken. May hat nicht studiert, sie hat dafür einen ausgeprägten Geschäftssinn und sie ist eine gute Netzwerkerin, was in China schon mal die halbe Miete ist. Da heimischer Antikschmuck schwer zu finden ist, da der früher zu großen Teilen ins Ausland verscherbelt wurde, bezieht sie ihre Ware aus Europa. In einem Land das so sehr nach Westen schielt, lassen sich ausländische Pretiosen ohnehin besser verkaufen. 

Die schönsten Stücke gibt May nicht her, die trägt sie selber. Sie liebt ihre Schmuckstücke, weil sie nicht nur oberflächlich schön sind, sondern weil sie eine Geschichte erzählen und somit einen wahren Wert haben. Und wahre Werte sind der 36-jährigen wichtig. Vielleicht weil sie sich ein halbes Leben lang selber so wertlos fühlte.

Ein Sohn ist mehr wert als fünf Töchter.

May kommt im August 1984 als fünfte Tochter eines Konditormeisters zur Welt. Natürlich hätte sie ein Sohn werden sollen. Sonst hätten die Eltern es nicht riskiert, in Zeiten der Ein-Kind-Politik (1979 – 2015), ein fünftes Kind zu zeugen. Die Schwestern waren zwar vor Einführung der Geburtenkontrolle 1979 geboren, aber dennoch war May ein Verstoß gegen geltendes Recht. Aber ein Verstoß, der in der tiefen Provinz gerade noch toleriert wurde. Als die Mutter jedoch ein weiteres Mal schwanger wird, ist das Blatt ausgereizt. Das würde niemals akzeptiert werden. Das wissen die Eltern und flüchten. „Wir haben alles zurückgelassen, alles aufgegeben, sind quer durch die Provinz gezogen und haben ständig den Wohnort gewechselt, aus Angst, dass man meine Mutter sonst zur Abtreibung gezwungen hätte.“

Als das sechste Kind schließlich in einem entlegenen Bergdorf zur Welt kommt und es auch noch der langersehnte männliche Stammhalter ist, muss es für die Eltern wie die Geburt Jesus gewesen sein. Das war der gerechte Lohn für all die Strapazen und Entbehrungen. Mit sechs Kindern im Gepäck kehren sie zurück in ihre Heimatstadt. Jetzt waren die örtlichen Behörden machtlos. Mehr oder weniger. Fortan mussten sie zwar jedes Jahr ein paar Tausender Strafe abdrücken und der Vater musste sich, wie in solchen Fällen üblich, kastrieren lassen, aber dafür durften sie jetzt endlich einen Sohn großziehen.

Die Ein-Kind-Politik brachte China Wohlstand, Kummer und Sorgen.

„Du bist zu hässlich für eine Adoption!“

Sechs Kinder satt zu bekommen, das ist jedoch kaum zu stemmen. Zwei Töchter mussten dran glauben und wurden zur Adoption freigegeben. Sie fanden beide jeweils ein neues Zuhause in Nachbarorten, bei Ehepaaren, die kein eigenes Kind zeugen konnten. „Ich durfte sie einmal im Jahr besuchen und war neidisch, weil sie ein viel schöneres Leben führten als ich. Da fragte ich meine Eltern, ob ich nicht auch Adoptiveltern haben könnte. Sie meinten, das sei nicht möglich, da ich zu hässlich sei. Keiner würde mich haben wollen.“ Ihre Schwestern seien schlanker gewesen und hätten makellose Haut gehabt. Zu ihrem Glück, denn sonst wären auch sie nicht vermittelbar gewesen und die Familie hätte noch härter ums Überleben kämpfen müssen.

Adoptionen haben Tradition in China

Adoptionen sind im alten Großfamilien-China keine Seltenheit gewesen. Mays Vater hatte elf Geschwister gehabt. Er sei deswegen ebenfalls weggegeben worden und von der Familie ihrer Mutter adoptiert worden. „Meine Eltern sind zusammen aufgewachsen. Meine Mutter hat mir erzählt, es sei für sie nie vorstellbar gewesen, dass sie ihn mal heiraten würde, weil er in ihren Augen immer ein kleiner Junge war. Als er schließlich vom Militärdienst zurückkam, sei aus ihm ein Mann geworden. Da habe er ihr plötzlich gefallen und sie habe eingewilligt ihn zu heiraten.“

Wenn Stiefgeschwister heiraten

Eine Wahl, die sie lange bereuen sollte, denn das Leben mit ihm sei nicht einfach gewesen. „Sie haben sich dauernd gestritten als ich klein war. Das war nicht schön. Ich glaube, dass sie sich heute lieben, aber der Weg dahin war furchtbar anstrengend. Sie waren immer nur am Arbeiten und hatten trotzdem nie Geld, da mein Papa immer alles verzockt hat. Meine Mama hat uns an Feiertagen manchmal ein besonderes Essen serviert und selber nicht mitgegessen, weil sie angeblich keinen Hunger hatte. Heute weiß ich, dass sie das getan hat, weil wir uns das nicht leisten konnten.“

Großfamilien waren üblich im alten China.

„Wer liebt schon ein hässliches Mädchen? Nur ein Irrer!“

May wollte es mal besser haben als ihre Mutter. Ihr eigenes Geld verdienen. Dass sie mal einen Mann finden würde, hielt sie als junges Mädchen ohnehin nicht für vorstellbar. „Da meine Eltern mir gesagt hatten, dass ich als Adoptivkind nicht vermittelbar sei, wuchs ich in dem Glauben auf, hässlich zu sein. Und welcher Mann würde sich schon für eine hässliche Frau interessieren?“ Als in ihrem 16. Lebensjahr dennoch ein 26-jähriger Soldat sein Interesse bekundet, kann sie es kaum glauben.

„Zum ersten Mal hatte mich ein Mann umworben. Das tat gut. Aber obgleich er mir gefiel, dachte ich, mit ihm müsse was nicht stimmen, dass er sich für mich interessierte und ließ ihn wieder laufen.“ Die nächste Chance, ein Jahr später, ließ sie sich nicht entgehen. „Da war ich so verliebt, dass ich wegen ihm sogar mein Schulexamen sausen ließ. Er hatte mich am Tag der Abschluss-Prüfungen auf einen Ausflug in eine andere Stadt eingeladen. Mir war alles egal, endlich hatte mir Mal jemand das Gefühl gegeben, begehrenswert zu sein. Für diese Erfahrung musste ich das letzte Schuljahr wiederholen. Er hat es nicht wertgeschätzt und hat mir infolge mein Herz gebrochen.“

Die erste Liebe kommt in China meistens in der Uni.

„Kein Blut bei meiner Entjungferung – was stimmt nicht mit mir?“

Daran hatte sie zu knabbern, den nächsten Verehrer, wieder ein Soldat, ließ sie lange zappeln, bis sie sich ihm, just an ihrem 20. Geburtstag hingab. „Ich wollte sicher sein, dass ich beim ersten Sex nicht auch enttäuscht werde. Er war zehn Jahre älter, hatte Erfahrung, ich nicht. Ich hatte nur gehört, dass der erste Sex schmerzhaft sein soll und dass man danach blutet. Es tat jedoch nicht weh und leider habe ich auch nicht geblutet. Das hat mich erneut in große Selbstzweifel gestürzt. Ich dachte, was stimmt nicht mit mir?“

Die Mutter hatte sie nie aufgeklärt. Die Schule auch nicht. May recherchiert im Internet und findet keine Antworten. Am Freund hält sie dennoch fest. Sie lieben sich. Immer wieder. „Er wollte dauernd Sex. Er war Soldat, hatte wahrscheinlich lange keine Frau gehabt und genoss es, dass ihm ein junges unerfahrenes Mädchen zu Willen war. Aber das war ok für mich. Ich vertraute ihm, weil er erfahren war und sich sehr bemühte. Als ich zwei Wochen später nach dem Sex plötzlich blutete, war ich erleichtert. Endlich fühlte ich mich wie eine richtige Frau.“ Drei Jahre war sie mit ihm zusammen.

May besitzt drei Schmuckläden in Shanghai.

Ein Antrag mit Blowjob-Klausel

Es war der erste und letzte Landsmann, mit dem sie das Bett teilte. „Ich date keine Chinesen mehr. Sie sind mir einfach nicht locker genug. Vielleicht bin ich auch zu crazy für einen Chinesen.“ Letzterem vermag ich kaum zu widersprechen, denn May ist ein echter Wirbelwind. Was ihr an Körpergröße fehlt, das macht sie mit ihrem Temperament wett.

Amouröse Abenteuer hat sie immer wieder, aber heiraten wollte sie nur einer. „Ein neuseeländischer Expat. Er war 1,95 groß, also fast drei Köpfe größer als ich. Wir waren ein sehr komisches Pärchen. Nicht nur optisch, denn außerhalb des Betts konnten wir nur mit Dolmetscher kommunizieren. Ich sprach kein Englisch und er kein Chinesisch. Trotzdem haben wir zwei Jahre lang aneinander festgehalten. Als seine Firma ihn dann nach Wien versetzte, wollte er, dass ich als seine Frau mitkomme.

Als ich ihn via Dolmetscherin fragte, wie er sich das denn vorstelle und was ich in Wien machen solle, als Chinesin ohne Sprachkenntnisse, meinte seine Dolmetscherin zu mir: Er sagt, du musst nichts tun, außer ihn jeden Tag oral zu befriedigen. Da ist mir der Kinnladen runtergefallen. Das sollte wohl ein Scherz sein, aber da habe ich erstmals erkannt, was für ein Idiot er war.“ Dass sie mittlerweile schwanger war, hätte sie ihm dann nicht mehr gesagt. Das Kind ließ sie abtreiben. Das ist in China kein Problem. Vorausgesetzt, man kann sich die 380 Euro leisten, denn Ein-, Zwei- oder Drei-Kind-Politik hin oder her, der Staat zahlt nicht für Abtreibungen. May hatte das Geld.

May ist heute zur selbstbewussten Frau gereift.

Wenn der Stammhalter den Stamm nicht halten kann…

Mittlerweile braucht May keinen Dolmetscher mehr, um Idioten zu erkennen. Nicht nur, weil sie sehr gutes Englisch spricht, sondern auch weil ihr nichts Menschliches fremd ist. Das hat sie trotzdem nicht kaltherzig werden lassen, im Gegenteil, sie ist hat für alles und für jeden Verständnis. Sogar für ihren kleinen Bruder. Der einst so herbeigesehnte Stammhalter, kommt nämlich überhaupt nicht klar im Leben und weiß nichts mit sich anzufangen. May füttert ihn durch und hält ihn aus, zahlt ihm eine Wohnung in der French Concession von Shanghai, die er sich sonst niemals leisten könnte. „Er zollt mir keinen Respekt dafür, aber das ist ok, ich weiß doch, dass er es nicht einfach hatte. Er hat unsere schwere Kindheit nicht verarbeitet.“

„Ich habe nur einmal im Leben geweint.“

Was denn ihre schönste Kindheitserinnerung sei, will ich von May wissen. Sie muss nicht lange überlegen, denn es hätte kaum schöne Momente gegeben bis auf diesen einen: „Wir waren nie im Urlaub und hatten in den Sommerferien höchstens mal einen gemeinsamen Ausflug in den Park gemacht, aber in einem Sommer gingen unserer Eltern mit uns in ein Freilichtkino. Sie zeigten ‚Die beste Mama der Welt‘. So etwas Schönes hatte ich noch nie gesehen. Es war das erste und das letzte Mal in meinem Leben, dass ich geweint habe.“

2 Kommentare

  1. Armin great article with May going from the „ugly duckling“ to the swan. Lots of informative mainland and family info. You’re a great writer, very funny with poise holding the pen. Keep inspired, I haven’t seen your blogs in a couple months and miss ya buddy!

    Tony C.

    • Tony, thx for your friendly feedback.. Good to hear from you. Hope, we can see again in Shanghai sooner or later. Unfortunately looks like later in the moment…

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