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Das schöne Biest

Dinner-Locations in Shanghai können sehr romantisch sein, wenn man sie sich leisten kann.

08/19: Die Froschschenkel, an denen Rosie genüsslich rumknabbert, sind erstklassig. Ja, wahrscheinlich seien es die besten der Welt. Das hat nichts damit zu tun, dass den kleinen Rackern so ein glückliches Leben in idyllischen Öko-Tümpeln vergönnt war, nein, sie haben in chinesischen Gewässern gelebt, was ihr Fleisch bestimmt zäh und bitter hat werden lassen. Sie wurden sicher auch nicht stressfrei geschlachtet. Wahrscheinlich ist ihnen erst vor ein paar Minuten in der Küche bei lebendigem Leib der Kopf abgehackt worden. Rosie interessiert das nicht. Rosie weiß nur, dass in Shanghai alles besser ist als im Rest der Welt. Das gilt natürlich auch für Pizza, Coq au Vin, Sushi und Paella.

Die Magenkrämpfe, die Rosie eine halbe Stunde später bekommt, haben natürlich nichts mit der Küche ihrs Lieblingsrestaurants zutun. Nein, die habe sie regelmäßig, weil sie so einen nervösen Magen habe, der zu Übersäuerung neige. Das glaube ich gerne. Rosie steht nämlich immer unter Strom. Die Kettenraucherin ist den ganzen Tag am Futtern: süß, salzig, scharf, fettig, egal, und wiegt mit ihren 1,70 trotzdem keine 50 Kilo. Kein Wunder, dass dieser zarte Körper ab und zu rebelliert. Es ist nicht schön anzusehen, wie sich die hübsche Frau vor Schmerzen windet. Der Abend ist gelaufen. Ich rufe den Kellner, verlange die Rechnung und ein Taxi. Rosie winkt ab und kramt mit letzter Kraft ihr Smartphone aus der Handtasche. Ein kurzes Telefonat und zwanzig Minuten später steht ein Bote am Tisch, der ihr eine Tüte mit Medikamenten überreicht. Weitere zwanzig Minuten später, und Rosie sitzt mit Fluppe und Gin Tonic bewaffnet auf der Restaurantterrasse und gibt ihrem Magen wieder saures. Es ist 23 Uhr, wir befinden uns im Zentrum von Shanghai, einer Stadt, die niemals schläft.

Mit 24 Millionen Einwohnern ist Shanghai, neben Peking und Guangzhou, eine der größten Städte Chinas. Seit der ökonomischen Öffnung des Landes, Anfang der 90er Jahre, erlebt die Stadt ein Wirtschaftswunder sondergleichen. Und nicht zuletzt dank der Hongkong-Proteste hat Shanghai der ehemaligen Kronkolonie den Rang als stärkster ökonomischer Motor des Landes abgelaufen und gilt wieder als das, was es in den 30er Jahren bereits war: Chinas Tor zur Welt.

Das merkt man im Straßenbild schon an der Anzahl der Ausländer. 180.000 Ausländer sind festansässig in Shanghai. Zusammen mit den Touristen, dürften es locker eine halbe Million sein, die sich hier täglich durchs Straßenbild drängen. Sprich, hier fällt kein Chinese in Ohnmacht angesichts eines loawai. Wir gehören zum Straßenbild und da man mit uns Geld verdienen kann, sprechen auch viel mehr Chinesen Englisch als im Rest des Landes. Das macht es deutlich leichter sich zurecht zu finden.

Hinzu kommt, dass Shanghai, trotz gleicher Einwohnerzahl wie Peking, mit 6,34 Quadratkilometern nur knapp ein Drittel des Ausmaßes der Hauptstadt hat, was bewirkt, dass man viel schneller von A nach B kommt und nicht täglich Stunden in Staus und U-Bahnen verschwenden muss. Wenn man in den hippen Vierteln, wie Jing’an oder Xuhui, rund um die French Concession wohnt, kann man alles mit dem Fahrrad erreichen. Leihfahrräder stehen überall zur Verfügung und natürlich bin ich längst bei allen drei Anbietern – Helobike, Mobike und Alibike – via Smartphone App registriert und bewege mich in Shanghai vorzugsweise auf dem Rad.

Als ich an jenem Abend mit Rosie im Restaurant verabredet war und weder Bike noch Taxi greifbar waren, hatte ich kurzerhand eine Droschke genommen. Ein dreirädriges, elektrobetriebenes Moped, deren Fahrer stets nach ortsunkundigen Touristen Ausschau halten. Sie verlangen gerne das Dreifache von dem was ein Taxi kostet und bieten dafür nur ein Drittel des Komforts. Das weiß man und das akzeptiert man in der Not.

Als Rosie mich in meiner Droschke vorfahren sieht und mitbekommt, dass der Fahrer 100 RMB (12 Euro) von mir verlangt, wird sie zur Furie und macht den Fahrer rund. Ich weiß nicht, was sie ihm alles an den Kopf geworfen hat, aber der arme Kerl war sichtlich eingeschüchtert. Ich auch. Dass mein magersüchtiges anmutendes Dinner-Date kein gemütlicher Mensch war, hatte ich schon bei unserem ersten Treffen mitbekommen, aber dass sie soviel Zorn und Wut in sich trug, war mir neu.

Mit Rosie auszugehen ist kostspielig, denn sie verkehrt gerne in Top-Locations.

„I am Shanghainese.“ Wann immer Rosie das sagt, und sie sagt es oft, wächst sie um fünf Zentimeter, ganz so, als würde sie eine Krone auf ihrem schmalen Köpfchen tragen. Man muss nicht zwischen den Zeilen lesen können, um zu verstehen, dass das etwas Besonderes, ja sogar etwas Besseres ist. „Die Stadt ist voll von Verbrechern und Betrügern, die alles aus den Provinzen kommen, um sich hier zu bereichern. Dein Droschkenfahrer war zum Beispiel so einer. Ein Shanghainese würde niemals jemand betrügen. Wir sind ehrliche Menschen. Aber diese ganzen dummen, ungebildeten Provinzler, machen alles für Geld. Sie haben kein Ehr- und kein Schamgefühl.“

Tatsächlich leben in Shanghai mehrere Millionen Wanderarbeiter aus entfernten Provinzen, die zum Teil für Hungerlöhne schuften, damit Menschen wie Rosie ihre Pillen ins Restaurant geliefert bekommen. Ohne diese Menschen würde die ganze Stadt nicht funktionieren. Der Kellner, der ihre Froschschenkel serviert hatte, sei auch von außerhalb. „Kein Shanghainese würde jemals solch niederen Dienste verrichten.“ Auf mich wirkt der nette junge Mann jedoch nicht wie ein Verbrecher. Er ist sehr höflich und zuvorkommend. Aber auch etwas eingeschüchtert von den strengen Blicken meiner Tischnachbarin, die kein Bitte und kein Danke zu kennen scheint.

Auf freundlich schaltet Rosie erst um, als die Restaurantbesitzerin zur Begrüßung an den Tisch kommt. „Sie entspringt einer alten Shanghai-Familie. Ihre Küche ist einmalig. Egal ob Fisch, Fleisch oder Gemüse, dies besten Produkte des Landes gehen immer zuerst nach Shanghai. Dann erst wird der Rest des Landes beliefert. Besser als hier kannst du in China nicht essen.“ Das Essen ist wirklich lecker, ob es das beste in China ist, kann ich nicht beurteilen.

Nach drei Tagen war die hübsche Rosie in meinen Augen zum Biest mutiert.

Ich fand das Essen am Vorabend auch nicht schlecht. Ich war ins erstbeste Hot Pot in meiner Nachbarschaft gegangen. Hot Pot Restaurants findet man an jeder Ecke. Sie bieten ausschließlich Fondue an und haben spezielle Tische, in denen die Fondue-Töpfe bereits eingelassen sind. In der Chili-Brühe kann man dann, je nach Vorliebe, alles garen. In meinem Hot Pot war die Auswahl sehr gering, da es sich um ein sehr simples Schnellrestaurant handelte, sodass ich nur eine kleine Gemüse- und Salatauswahl, sowie etwas Tofu orderte. Dem war ein längerer Übersetzungs-Diskurs via Translation App vorausgegangen, da man hier offensichtlich auf ausländische Gäste nicht eingestellt war. Dementsprechend groß das Bemühen der seltenen Spezies Gast seinen Aufenthalt schmackhaft zu gestalten.

Der junge Kellner wollte nicht akzeptieren, dass ein großgebauter weißer Mann, sich von so einem bescheidenen Mahl ernährte. Ich müsse doch Fleisch essen. Oder zumindest etwas Huhn. Er machte mir einige Angebote via Smartphone, bis ich schließlich aus Höflichkeit einwilligte, dass er mir etwas Huhn zum Fondue reichen solle. Der Junge, sichtlich glücklich, dass er mich zur Vernunft gebracht hatte, rannte sofort in die Küche und eilte schnell mit zwei Platten Huhn zurück. Ich hätte meinen Tofu fast wieder ausgespuckt, als ich die Teller mit Hühnerhaut und Hühnerfüßen sah.

Mit genügend Chili und Bier bekommt man eigentlich alles runter. Bei Hühnerhaut musste ich passen.

Das war zu krass, als dass ich es aus Höflichkeit hätte essen können. Ich bemühte mich, ihm höflich zu erklären, dass das nichts so ganz nach meinem Geschmack sei, aber der Ekel stand mir zu deutlich ins Gesicht geschrieben, als dass er ihn nicht hätte mitbekommen können. Es war mir peinlich, denn was mich so anekelte, schien für ihn und die anderen eine leckere Mahlzeit zu sein.

Ihm war es auch peinlich, dass er seinen Gast nicht zufrieden stellen konnte. „Sorry Sir, but we are a very simple restaurant. We don’t have other chicken dishes,” stand auf seinem Smartphone geschrieben. Er war sehr verlegen, rannte zum Chef und gestikulierte aufgeregt mit dem Küchenpersonal. Da verirrt sich einmal ein Gast aus dem Ausland zu uns und wir können ihn nicht befriedigen. Was für eine Blamage. Man musste kein Chinesisch sprechen, um den Tenor zu verstehen. Ruckzuck standen ein paar weitere Teller mit Gemüse, sowie eine Flasche Tsingtao auf meinem Tisch. Eine Entschädigung, um mich versöhnlich zu stimmen.

Zwei Stunden nachdem ich das Lokal verlassen hatte, erreichte mich eine Wechat-Nachricht von Aang, dem Kellner, dem ich meinen Kontakt gegeben hatte. „I am so sorry Sir. When I get my next pay I buy chicken and invite you dinner.” Der 17-jährige Aang aus der Szechuan Provinz, der in die große Stadt geflüchtet war, weil er Zuhause keine Arbeit fand, war einer jener Verbrecher, vor denen mich Rosie gewarnt hatte.

Pudong ist zwar das Wahrzeichen der Stadt, aber eine echte Shanghainese würde dort trotzdem niemals wohnen.

Rosie hat in ihrem Leben nie hart arbeiten müssen. Sie entstammt zwar keiner besonders wohlhabenden Shanghai-Familie, aber sie ist mit 19 Jahren einem reichen japanischen Geschäftsmann aufgefallen, der sie mit nach Tokio nahm und dort ehelichte. 13 Jahre lebte sie mit ihrem Mann in sehr angenehmen Verhältnissen, bis sie Thomas kennenlernte. Thomas, ein deutscher Geschäftsmann, war wohl etwas weltmännischer als ihr traditionsbewusster japanischer Ehemann. Womöglich auch erfolgreicher, denn Thomas jettete zwischen seinen Büros in Tokio und Hongkong hin und her und lebte auf großem Fuß. Was auch immer die Faszination ausmachte, Rosie verließ ihren Ehemann und flog mit Thomas davon. Im Privatjet. Nach Hongkong.

„Damals war Hongkong noch eine große Nummer. Heute ist die Stadt ein Witz verglichen mit Shanghai. Wenn du in China erfolgreich sein willst, dann kommst du um Shanghai nicht herum. Wir sind das Zentrum der chinesischen Wirtschaft. Das ganze Land wird von uns mitfinanziert.“ Honkong aufgeben, kommt für die stolze Chinesin trotzdem nicht infrage. „Allein die Frage, ob Hongkong zu China gehört regt mich schon auf. Natürlich gehört Hongkong zu China. Nur weil wir im Mittelalter mal einen Krieg gegen diese dummen Engländer verloren haben, wird das heute immer wieder infrage gestellt. Dabei gibt es da überhaupt nichts zu diskutieren.“

Für die Protestbewegung hat Rosie natürlich auch kein Verständnis. „Das sind Kinder, die überhaupt keine Ahnung von Politik haben. Die Dummköpfe lassen sich von den Amerikanern manipulieren und demolieren die ganze Stadt. Sie verprügeln Polizisten und werden dafür nicht eingesperrt, sondern Freiheitskämpfer genannt. Und wenn sich ein Polizist wehrt, dann heißt es in der Weltpresse, dass wir friedliche Demonstranten niederknüppeln.“ Dass Rosie sich aufregen kann, hatte ich ja bereits erlebt, aber in Sachen Hongkong läuft sie zur Höchstform auf.

Im schicken Xintandi in der French Concession besitzt Rosie Wohneigentum in Wert von zwei Millionen Euro.

Welchem ihrer beiden Ex-Männer Rosie ihren Wohlstand zu danken hat ist nicht überliefert, aber Fakt ist, dass sie ihr Schäfchen lange im trockenen hat. Die 140 qm Eigentumswohnung im schicken Xintandi ist locker zwei Millionen Euro wert. Rosie findet, dass einer echten Shanghainese so etwas zusteht. „Keine meiner Freundinnen ist ohne Wohneigentum. Die gesetzlichen Scheidungsabfindungen sind hierzulande so lächerlich, dass alle darauf bestehen, dass ihr Mann ihnen zumindest eine Immobilie überschreibt. Auf einen anderen Deal würde sich keine Frau mit Stil einlassen. Die meisten Männer tun das auch, allein schon damit sie eine friedliche Ehefrau Zuhause haben, die im Gegenzug die Geliebte des Mannes akzeptiert. Wohlhabende Chinesen haben fast alle eine Geliebte, die sie oft auch mit einem kleinen Appartement ausstatten. Damit diese Arrangements in friedlicher Koexistenz funktionieren, müssen alle Parteien versorgt sein.“ Der ganz normale chinesische Upperclass-Wahnsinn. Nicht meine Liga und vor allem auch nicht mein Geschmack.

Merke: Niemals von Frauen auf der Straße ansprechen lassen!

Rosie hatte irgendwann gemerkt, dass ich für ihre Reize nicht empfänglich war und mich vor den gefährlichen Frauen in Shanghai gewarnt. „Du musst vorsichtig sein, wenn sie dich auf der Straße ansprechen und dir komische Sachen anbieten.“ „Was für komische Sachen?“ „Ja, so schmutzige Sachen halt.“ „Du meinst Sex?“ „Was weiß ich, was die machen, irgendwas Seltsames halt.“ Sex war für Rosie anscheinend schmutzig oder seltsam. Langsam verdichtete sich mein Bild, warum die Frau, trotz ihres guten Aussehens, keinen Partner fand. „Du warnst mich also vor Prostituierten?“ „Wir haben hier keine Prostitution. Das ist verboten. Aber trotzdem kann es dir passieren, dass eine Frau dich auf der Straße einlädt, mit ihr nach Hause zu gehen und dort dann fünf Typen auf dich warten, die dich ausrauben. Das passiert ständig.“  

Daher merke: Frauen, die einen auf der Straße ansprechen und einladen mit ihnen nach Hause zu gehen, sind zwar keine Huren, aber meinen es trotzdem nicht gut mit einem. Danke für den Rat, Rosie!

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