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Die guten alten Zeiten

Gloria bekommt die Haare schön. © Niels Starnick

Der Münchner Figaro Gerhard Meir begeht heute seinen 65. Geburtstag. Gerd war DER Starfriseur der 80er Jahre. Vor allem die Punkfrisuren, die er Fürstin Gloria von Thurn und Taxis verpasste, sorgten für internationales Aufsehen. Die beiden wurden weltweit als Stilikonen gefeiert, waren zu Gast bei David Letterman und verkehrten mit Stars wie Michael Jackson, Keith Haring oder Freddie Mercury. Natürlich lebten sie nur nachts, so wie alle, inklusive mir, in den 80ern vor allem nachts lebten. Ich jobbte damals als Barkeeper im P1, der angesagtesten Disco (Retro für Club) der Republik und hatte Princess Dynamite – so Glorias damaliger Spitzname in New York – gelegentlich als Gast am Tresen stehend, oder auch auf selbigem tanzend erlebt. Gerne in Begleitung von Showgrößen wie Prince, Bruce Springsteen oder Mick Jagger. Es waren zügellose Zeiten. Gefühlt waren die 80er eine einzige große Party.

1987 als Barkeeper im P1. Meine Frisur sitzt, dank Gerd Meir.

35 Jahre später habe ich die Fürstin und ihren Figaro zum Interview getroffen, um über die vermeintlich guten alten Zeiten zu plaudern. Ich wollte von den Beiden wissen, wie Pandemie in den wilden 80ern ihrer Meinung nach ausgesehen hätte. Sie waren sich einig: 

„Kein Mensch hätte sich damals widerstandslos in Quarantäne schicken lassen oder Masken getragen.“

 

Gerhard Meirs Punkfrisuren machten Gloria weltberühmt

Wahrscheinlich haben sie recht. Das damalige Lebensgefühl war zu anarchisch, um Masken zu tragen. Gegen den Strom zu schwimmen gehörte quasi zum guten Ton. Den sogenannten Berliner Covidioten, vom letzten Wochenende, hätten sich die meisten von uns trotzdem nicht angeschlossen. Einfach weil wir den Termin verpennt hätten.

Das Leben war ein einziger Rausch.

Ich fiel an 365 Tagen im Jahr, im Morgengrauen, prall ins Bett. Drogen gehörten zu meinem Alltag wie heute das Müsli.

Als guter Barkeeper begleitete ich manche Gäste auch mal zum Parkplatz.

Natürlich fuhren wir prall trotzdem mit dem Auto durch die Stadt, denn Betäubungsmittel-Tests standen der Polizei damals noch nicht zur Verfügung. Aids wurde noch als reine Schwulenkrankheit gehandelt, kein Mensch benutzte daher Kondome, zumal die Mädels alle die Pille nahmen.

Das Schlimmste was einem blühen konnte war ein Tripper.

Und dagegen gab es Penicillin. Gegen alle anderen gängigen Seuchen war man geimpft. Bei Grippe gingen wir in die Sauna oder tranken Codeinsaft. Oder beides. Muckibuden waren nur was für Hohlbirnen. Joggen war noch nicht erfunden. Glutenfrei und Laktoseintoleranz auch nicht. Ich kannte nicht mal den Unterschied zwischen Protein und Kohlenhydrat. Ein Wunder, dass ich das alles überlebt habe.

Kokain war in den 80ern allgegenwärtig.

Ein Wunder auch, dass ich heute ohne Windeln auskomme, wie mir ein Neurologe einst erklärte. Die meisten seiner Patienten, mit meinem Hintergrund, hätten durch ihren Kokainkonsum nämlich so schlimme Nervenschäden davongetragen, dass ihre Schließmuskeln nicht mehr funktionieren würden.

„Sie haben keine Ahnung, wie viele der ehemals so coolen Kokser heute mit Pampers durch die Gegend laufen.“ 

Nicht wegen dem Kokain selbst, sondern wegen der darin enthaltenen Streckmittel. Da hatte ich wohl Glück gehabt. Oder auch nur den richtigen Dealer konsultiert.

Ja, auch meine Meir-Frsiur war nicht ganz unauffällig.

Ich weine den guten alten Zeiten keine Träne nach. Ich genieße heute viel mehr Freiheiten als früher. Allein die Tatsache, dass ich diesen Blog wahlweise auf einer Tiroler Berghütte, an der Münchner Isar oder in einem Park in Shanghai schreiben darf, empfinde ich als großartige freiheitliche Entwicklung. Vor 25 Jahren schwitzte ich um diese Zeit, im Anzug, in einem stickigen Redaktionsbüro, dass ich nicht verlassen durfte, weil ich befürchten musste, dass ich irgendeinen wichtigen Anruf verpassen würde. Daher:

Danke, Bill Gates! Und sorry, dass ausgerechnet Du heute im Internet als Freiheitsräuber verschrien wirst.

 

Ich bin heute freier als je zuvor. Auch dank Bill Gates. © Johanna Lohr

So frei oder gar rebellisch, wie das von manchen Nostalgikern propagiert wird, waren wir früher nicht. Zumindest nicht in meinem Münchner Umfeld. Es drehte sich vordergründig alles um Sex und Drogen und hatte daher eher mit Abhängigkeit als mit Freiheit zu tun.

Vielleicht auch einfach nur die Freiheit, verantwortungslos sein zu dürfen.

Dass dieses Lebensgefühl einem Großteil meiner Weggefährten das Leben gekostet hat, hat mich gegenüber dem Thema Tod etwas abgehärtet. Vor Covid-19 habe ich keine Angst, zumal ich, als spirituell orientierter Mensch, ohnehin davon ausgehe, dass ich keinen großen Einfluss auf mein Ableben habe. Trotzdem werde ich plötzlich in die Pflicht genommen, Verantwortung für das Leben der Menschen um mich herum zu übernehmen. Ich finde es furchtbar anstrengend und habe Zweifel, ob das alles sinnvoll ist, aber ich habe mich dennoch damit arrangiert. Schließlich sterben Menschen, das kann man nicht ignorieren.

Der Münchner Gärtnerplatz: Party-Hotspot in Zeiten von Corona.

Dass am letzten Samstagabend erneut 1.300 junge Menschen am Münchner Gärtnerplatz feierten, als gäbe es kein Corona, kann ich trotzdem nachvollziehen. Als junger Kerl wäre ich bestimmt auch dabei gewesen. Es ist ein Privileg der Jugend, unbeschwert und verantwortungslos sein zu dürfen. Sie deswegen allesamt als Covidioten zu beschimpfen, finde ich nicht schön, obgleich es faktisch gar nicht so falsch ist.

Das Wort Idiot leitet sich vom Altgriechischen idiotes ab, was soviel wie Privatperson bedeutet.

Im alten Griechenland wurden Menschen, die sich aus öffentlich-politischen Angelegenheiten raushielten und sich lieber dem Nichtstun widmeten, als Idioten bezeichnet.  

Die Fürstin mit Papst Benedikt XVI. bei einer Audienz im Vatikan

 

Gürtelrose? Nein, danke!

All den Alternativmedizinern, die meine Gürtelrose-Impfung, letzte Woche, ebenfalls als idiotisch bezeichneten, sei gesagt, dass die Impfung mir wahrscheinlich den Arsch gerettet hat. Der ehemalige Papst Benedikt XVI. leidet nämlich seit kurzem an einer Gürtelrose, genauer sogar an einer Gesichtsrose. Er hatte sich vor ein paar Wochen am Sterbebett seines Bruders, Georg Ratzinger, in Regensburg, von diesem verabschiedet. Die strenggläubige Gloria von Thurn und Taxis war auch dort gewesen. Nicht auszumalen, was mir hätte blühen können.

3 Kommentare

  1. UvLuttitz UvLuttitz

    Sauwitzig! Amüsant! Erheiternd!

  2. Wolfgang Wolfgang

    Die guten alten Zeiten ? Naja. Aber es gab die beste Musik. Selbst heutige Filme und Radiosender müssen darauf noch zurückgreifen. Das ist nicht verkehrt.
    Netter Artikel. Coole Fotos.
    Schau nach vorne Alter !

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