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Die Nymphomanin

Da das Thema Gewalt gegen Frauen Quarantäne-bedingt aktueller ist denn je, hier eine kleine Anekdote aus dem Reich der Mitte. So erlebt im Oktober 2019 in Hongkong.

„Darf ich bitte links von dir sitzen?“ Anais wollte nicht auf dem freien Barhocker zu meiner rechten Platznehmen, da sie auf dem linken Ohr taub sei und wir uns sonst nicht unterhalten könnten. Die Folgen ihres letzten deutschen Dates, wie sie mir augenzwinkernd erklärt. Mit ihm sei es etwas ausgeufert. Das kann passieren, wenn man, wie Anais, nymphoman veranlagt ist und ständig wechselnde Partner hat. Meine Hongkonger Model-Agentur, Primo Management, hatte mich für ein Fotoshooting von Shanghai einfliegen lassen.

Die Werbekampagne für Cathay Pacific wurde im Hongkonger Headquarter der Airline produziert.

Da ich zwischen Fitting und Shooting drei Tage Zeit totzuschlagen hatte und niemand kannte in Hongkong, hatte ich mir auf Tinder Gesellschaft gesucht. Anais Profilfoto, eine Austernhälfte, darunter „Wer weiß, wie man eine Auster behutsam öffnet und genießt?“, hatte meine Neugier geweckt.

So unverblümt bieten sich Chinesinnen normal nicht an. Selbst professionelle Sexarbeiterinnen wählen gerne einen etwas keuscheren Einstieg wählen, bevor sie zu Sache kommen. Anais war keine Professionelle. Sie war einfach nur eine Frau mit unkeuschen Interessen. Und da sie es als erfolgreiche Businessfrau gewohnt ist keine Zeit zu vertrödeln, tat sie das auf Tinder auch nicht.

Wer weiß, wie man eine Auster behutsam öffnet?

Ich hatte Mühe gehabt, sie zu einem Treffen in einer Bar zu überreden, eigentlich wäre sie lieber direkt zu mir ins Hotel gekommen. Manfred war ein paar Monate zuvor wohl nicht so zögerlich gewesen. Der deutsche Expat war wahrscheinlich glücklich gewesen, eine sexsüchtige Chinesin zu treffen, für die er nicht bezahlen musste. Sie habe die Treffen mit ihm sehr genossen, auch weil er so einfach gestrickt gewesen wäre.

„Ich steh auf einfache Kerle. Die dürfen gerne etwas prollig sein, schließlich sollen sie mich sexuell und nicht intellektuell befriedigen.“ Ich käme übrigens nicht infrage, wie sie mir bereits nach fünf Minuten ganz beiläufig erklärt. „Sorry, aber du bist mir zu soft.“ Ihr Angebot, das Date abzubrechen, falls ich unser Zusammensein deswegen als Zeitverschwendung betrachte, lehne ich ab. Viel zu spannend, was die 41-jährige Hongkong-Chinesin da alles zu erzählen hatte.

Tinder ist populär bei modernen Chinesinnen.

Anais ist keine klassische Schönheit. Sie hat ein paar Pfund zu viel auf den Hüften und die Augenringe zeugen von einem bewegten Leben. Sie sieht dirty aus. Kein Wunder. Und was ihr mit ihren 1,58 an Körpergröße fehlt, macht sie mit ihrem Selbstbewusstsein wett. Anais hat Sendungsbewusstsein, scheint zu wissen, was sie will und redet Klartext. Sie bewegt sich auf internationalem Parkett, betreut Projekte in New York, London und Paris. Das merkt man. So eine Chinesin hatte ich auf dem chinesischen Festland bisher nicht getroffen.Vielleicht muss man in Hongkong leben, um so zu werden. Zumindest kann man hier leicht, ausländische Proleten treffen, die nur eins im Sinn haben, wie mir Anais erklärt. 

Mafred sei perfekt gewesen. „Er war zwar etwas zu gut bestückt für eine enggebaute Asiatin wie mich, aber nachdem ich ihm gezeigt hatte, wie er damit umzugehen hatte, hat er sich wirklich Mühe gegeben. Wir haben uns regelmäßig gesehen, haben ein paar Phantasien und Rollenspiele ausgelebt, bis er irgendwann aufhörte sich zu bemühen. Er ließ das Vorspiel weg, wurde immer grober und als ich mich ihm irgendwann verweigerte, hat er mich einfach verprügelt und brutal vergewaltigt.“

Beim Dating mit einer Chinesin braucht es Geduld und Feingefühl bis es zu körperlicher Nähe kommt.

Zwei Wochen Urlaub hätte sie nehmen müssen, bis das geplatzte Trommelfell nicht mehr schmerzte und die blauen Flecken verheilt gewesen seien. Ihr Ehemann hatte sie Zuhause gesund gepflegt. „Mein Mann weiß, was ich tue. Wir sind seit zehn Jahren verheiratet. Wir sind Seelenverwandte, würden uns niemals trennen, aber da es im Bett zwischen uns nicht mehr funktioniert, hatte er vorgeschlagen, dass ich mich abseits der Ehe um Befriedigung kümmern solle.“

Seit drei Jahren würde das reibungslos gut funktionieren. Auch weil sie nicht über ihre Abenteuer sprechen würde. Bis Manfred kam. Bremsen konnte das ihre Lust trotzdem nicht. Aber vorsichtiger sei sie geworden. Daher der artikulierte Wunsch nach Behutsamkeit unter der Auster.

Da Prostitution offiziell verboten ist, bieten Sexarbeiterinnen ihre Dienste gerne auf virtuellem Weg an.

Kaum zu glauben, dass die Dame aus sehr konservativem Elternhaus stammt und einst sogar eine katholische Mädchenschule besuchte. „Mit Schuluniformen und Röcken bis übers Knie, immer darauf bedacht, dass alles keusch und züchtig aussah. Noch strenger konnte man in Hongkong zu meiner Zeit kaum aufwachsen. Ich war das reinste Mauerblümchen. Im Gegensatz zu meinen Mitschülerinnen, hatte ich mich auch nie an lesbischen Spielchen beteiligt. Ich hatte mich noch nie selbstbefriedigt, als ich entjungfert wurde. Ich war 18, er war 26, ich hatte keine Ahnung und habe es einfach geschehen lassen. Ich fand es nicht schön. Aber da er sich viel Mühe gab und mir infolge alles zeigte, hatten wir drei Jahre lang sehr viel Spaß. Und als aus Sex irgendwann Liebe geworden war, hat er mich einfach sitzen lassen. Wegen einer anderen. Ich war sehr verletzt.“

Schuluniformen sind üblich in China.

Nach der Klosterschule studiert sie Literatur und findet – wen wundert’s – Gefallen an Henry Miller und übernimmt den Namen seiner Muse Anais Nin. Fortan sollte sie kein Mann mehr einfach abservieren. Ihr erster Arbeitgeber, der Boss einer Hongkonger PR-Agentur, büßt für die Narben ihrer ersten Liebe. „Er war eigentlich nicht mein Typ, aber ich habe es trotzdem genossen ihn zu verführen. Wir hatten Sex im Büro und in Hotels, drei Jahre lang hat er seine Frau mit mir betrogen, bis ich ihn soweit hatte, dass er sie verlassen hat. Als er mir gehörte, hat er mich plötzlich gelangweilt und ich habe die Affäre beendet.“

Anais Nin schrieb bereits in den 30er Jahren erotische Literatur und schlief sowohl mit Herny Miller als auch mit dessen Frau June.

Es folgten ein paar weitere kurze Affären, aber die waren immer ihrer Karriere untergeordnet. Ihre Karriere sei ihr immer wichtiger gewesen als die Männer. Ihre chinesischen Partner hätten da alle kein Verständnis für gehabt. „Mein Mann war der erste und einzige Chinese, der mich je verstanden hat. Wir sind Seelenverwandte, ticken ähnlich, auch er ist Workaholic. Ich kann mir nicht vorstellen, einen besseren zu finden. Ich würde ihn nie verlassen. Er befriedigt mich emotional und intellektuell, wie es keiner meiner Sexpartner vermag. Außerdem ist er so großzügig, um über meine Bettgeschichten hinwegzusehen. Details berichte ich ihm nicht. Außer den Vorfall mit Manfred. Aber ich mache Manfred keinen Vorwurf, ich wusste, dass er ein Prolet ist, und wusste daher auf was ich mich einlasse. Mittlerweile hat er sich bei mir entschuldigt und will mich wiedersehen. Ich habe abgelehnt. Momentan. Aber wer weiß, was in ein paar Wochen ist.“

Verglichen mit Festland China, herrscht in Hongkong Sodom und Gomorra.
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