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Die Masken vom Krokodil

Das Krokodil vom Jangtse kommt gerne mal als Lady Gaga daher.

Maskenpflicht. Jetzt also doch. Unser aller Lieblingsheld Markus Söder hat es angedeutet. Und da man dem Mann aktuell tatsächlich ernst nehmen muss, wird hierzulande das Vermummungsverbot in den nächsten Tagen bestimmt aufgehoben. Wo wir die Masken alle herbekommen sollen, ist zwar noch unklar, aber Söder hat vorsorglich schon mal eine chinesische Lieferung von acht Millionen Stück am Münchner Flughafen persönlich abgefangen. Die Lieferung war zwar genau genommen nicht an ihn, sondern an Angela Markel adressiert, die, die Hilfslieferung auf kurzem Wege, in einem Telefonat mit ihrem chinesischen Kollegen Xi Jinping arrangiert hatte, aber das macht ja nichts, der Markus sieht dennoch prächtig aus auf den Fotos vor der Lufthansa Cargo-Maschine. 

In China braucht es keine Söders, die dem Volk die Maskenpflicht scheibchenweise schmackhaft machen. Als der staatliche Nachrichtensende CCTV im Januar anfing, von einer nationalen Virus-Bedrohung zu sprechen, war das ganze Land ruckzuck vermummt. Nicht, weil sie blind alles glauben, was ihnen von staatlicher Seite erzählt wird, nein, die Zeiten sind längst vorbei, aber die Chinesen sind ein sehr ängstliches Volk. Dass wir seit Wochen ohne Masken rumlaufen, können meine chinesischen Freunde nicht verstehen. Keiner von ihnen geht ohne Maske aus dem Haus.

Viele von ihnen hatten ohnehin welche im Vorratsschrank, ansonsten kaufte man sie halt auf Taobao. Wie jeder Chinese eigentlich alles bei Taobao kauft. Taobao ist das größte Online-Kaufhaus der Volksrepublik, mit einem Produktangebot von über 800 Millionen Artikeln. Das sogenannte chinesische Ebay führt nach eigenen Angaben 500 Millionen registrierte Benutzer, von denen mehr als 60 Millionen täglich aktiv sind. Pro Minute werden im Schnitt 50.000 Artikel verkauft. Allein am Singles Day, dem chinesischen Black Friday, jährlich am 11. November, setzte das Unternehmen 2019 über 25 Milliarden Euro um.

Dahinter steckt Jack Ma, Gründer von Alibaba.com, einer der reichsten und erfolgreichsten Männer der Volksrepublik. Der erste Chinese, der dem Forbes-Magazin 2015 eine Titelseite wert war, da er mit einem Privatvermögen von 22,7 Milliarden Dollar auf Platz 33 der reichsten Personen der Welt rangiert.

Eine Selfmade-Karriere, die kaum schillernder sein könnte. Der Sohn einer Musikerfamilie aus Hangzhou wollte ursprünglich Englischlehrer werden, war aber mehrfach an der Aufnahmeprüfung der Uni gescheitert, bis er im dritten Anlauf mit Bachelor abschloss. Infolge bewarb sich Ma, laut eigener Aussage, bei 30 unterschiedlichen Unternehmen, die ihn alle ablehnten. Auf sich allein gestellt, gründete er 1994 in Hangzhou ein Übersetzungsbüro, in dem er pensionierte Englischlehrer für sich arbeiten lies. Ein kleines Büro, das nicht viel einbrachte, bis er ein Jahr später zum ersten Mal mit Computern in Berührung kam. Ein Freund in Seattle hatte ihm gezeigt, wie man im Internet surft. Als er die Kontaktdaten seines Übersetzungsbüros online stellt und wenige Stunde später die ersten Anfragen per E-Mail eintrudeln, war die Idee zu seinem ersten Internetunternehmen China Pages geboren. Vier Jahre später ist Ma so fit in Sachen Internet, dass er 1999 mit einigen Partnern und 60.000 Dollar Startkapital das E-Commerce-Unternehmen Alibaba gründet. Vom Wohnzimmer aus baute er mit 16 Mitarbeitern eine landesweite Online-Kontaktbörse auf, die zwischen Einkäufern und Zulieferern vermittelte. Die Anfangs-Produktpalette: Bananen, Unterhosen und Lastwagen.

20 Jahre später wird die chinesische Antwort auf Amazon mit über 400 Milliarden Euro bewertet. Und Jack Ma wird in China als Rockstar gefeiert. Dass er mit Taobao in China mehr Umsatz macht als Ebay weltweit, brachte ihm viel Ruhm ein. „Ebay mag ein Hai im Ozean sein, aber ich bin das Krokodil vom Jangtse-Strom. Wenn wir im Ozean zum Kampf antreten, werden wir verlieren, aber wenn wir im Fluss kämpfen, gewinnen wir“, lautet eines seiner berühmtesten Zitate. Seitdem nennt man ihn das Krokodil vom Jangtse. Ein Krokodil, dass an Exzentrik kaum zu überbieten ist. Auf seinen Betriebsfeiern, den legendären Alifesten, die stets in großen Sportstadien inszeniert wurden, trat der CEO gerne in Kostümen von Elton John, Michael Jackson oder Lady Gaga auf und trällerte selbstbewusst Songs wie Can you feel the love tonight ins Mikro. Dafür wurde er gefeiert wie ein Halbgott. Als der Milliardär an seinem 55. Geburtstag, im September 2018, seinen Rückzug aus dem operativen Firmengeschäft bekanntgibt, braucht er in seiner Rede dafür drei Stunden. Die Massen klebten ihm trotzdem an den Lippen. Nicht wenige vergossen Tränen.

Den Mann darf man trotzdem getrost ernstnehmen

Mittlerweile hat sich Jack Ma zum Philanthropen gewandelt und 18 Millionen Schutzmasken in über 100 Länder der Welt geliefert. Kostenfrei mit eigenen Frachtfliegern. Sowas hatte es bisher nicht gegeben in China. Philanthropie ist ein neues Phänomen. Die Parteiführung hat seit jeher ein ambivalentes Verhältnis zu ihren Milliardären. Sie sind zwar gut für die Wirtschaft, aber halt gerne auch etwas zu mächtig. Angeblich soll Superstar Jack Ma einst von staatlicher Seite zum Rücktritt bei Alibaba gezwungen worden sein. Der Milliardär hat dem zwar widersprochen, aber was heißt das schon. Wer weiß, was die Herren für Deals ausgehandelt haben. Dass Jack Ma seit 16. März, gerade als der Konflikt zwischen USA und China hochkochte, einen Twitter Account eröffnete, dürfte nicht ohne Segen der Partei geschehen sein. Twittern ist nicht erlaubt in China. Die Botschaften des Krokodils dürften der Partei aber durchaus gelegen kommen. „One world, one fight“ oder „Together we can do this“ könnten helfen, den Blick auf China zu ändern. Der Virus ist nicht chinesisch, sondern global. Und wo Hilfe herkommt ist in diesen Zeiten eh egal.

Sogar Donald Trump, der kurz zuvor noch von einem chinesischen Virus sprach, bedankte sich bei „seinem Freund“ Jack Ma für eine Hilfsgüter-Spende nach Washington. Um dann kurz darauf die Hilfslieferungen seines Freundes nach Kuba zu stoppen. In letzter Minute wurde einem, von der Alibaba Foundation, beauftragten US-Logistikunternehmen die Auslieferung untersagt. Da der chinesische Philanthrop trotz US-Embargo auch Venezuela und den Iran beschenkt hat, dürfte das mit der präsidialen Freundschaft wohl mittlerweile vorbei sein. Aber ein chinesisches Krokodil lässt sich halt von einem US-Enterich nichts diktieren. Der europäischen Alibaba-Expansion dürfte die  Hilfskampagne durchaus in die Karten spielen, hatten sich doch diverse Unternehmen bei uns bisher aus Imagegründen geweigert, ihre Waren beim chinesischen Billig-Versandhaus anzubieten. Das Image könnte nach Corona ein anderes sein. Dann wäre aus dem Krokodil doch noch ein Hai geworden. Vielleicht wird ja aus unserem tollen Hecht, dem Markus, auch nochmal ein ganz großer Fisch.  

Möchte auch gerne im tiefen Wasser schwimmen.

2 Kommentare

  1. Armin, wieder mal eine sehr lesenswerte Story, vielleicht hat Soeder ja auch Ambitionen a la Jack Ma, nicht nur das Krokodil von der Isar zu sein sondern von der Spree.

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