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Schinken ist kein Gemüse

Oscar ist tot. Er ist zwar nicht am Covid-19 gestorben, aber das ist ja egal. Tot ist tot. Und der Tod ist immer traurig. Zumindest für die Hinterbliebenen. Ein Trost für die Trauergemeinde ist, dass Oscar ein vergleichsweise schönes Leben hatte. Oscar war ein preisgekrönter Pietrain Eber, aber leider war er bei der Münchner Landwirtschaftsausstellung einst nur das zweitschönste Schwein der Republik gewesen, sodass er im Anschluss dem Schlachter zugeführt werden sollte. Die Aiderbichl-Betreiber Hansi und Martina Süß kauften Oscar frei und bescherten ihm seitdem auf ihrem Gnadenhof in Iffeldorf ein Leben, von dem andere Tiere nur träumen können. Da ihre 331 Pflegekinder nicht gerade sparsam im Unterhalt sind, sind die Aiderbichler auf Paten angewiesen. Mit Oscar meinten die Paten es besonders gut, weswegen der gehbehinderte Eber im zehnten Lebensjahr auf über 400 Kilo kam und sein Herz irgendwann leider nicht mehr mitspielte. Kurz und schmerzlos sei er gegangen, erklärte mir Hansi gestern am Telefon. Und natürlich wurde er beerdigt und nicht verspeist.

Ich mag kein Fleisch. Nicht nur aus ethischen Gründen, sondern auch weil mir Fleisch nicht schmeckt. Eine Portion Bratkartoffeln mit Spiegeleier, dazu ein Salat und eine halbe Weißbier, und ich bin der glücklichste Mensch der Welt. Vegetarier zu sein ist hierzulande wirklich easy. Sogar Veganer müssen sich mittlerweile nicht mehr in exotischen Körnerbuden verstecken, sondern werden überall satt. Sogar in den kleinsten Berghütten meiner Tiroler Nachbarschaft hat man auf den Trend reagiert. Und sei es nur, dass sich die Spaghetti mit Tomatensauce jetzt Veganer Gipfelschmaus nennen. Kurzum: sich hierzulande Fleischfrei zu ernähren ist kein Big Deal. 

Ein Essen ohne Fleisch ist in China kaum vorstellbar.

In der Szechuan Küche tanzen die Geschmacksknospen Rock’n Roll

In China kann man sich zwar theoretisch auch Fleischfrei ernähren, aber in der Praxis wird daraus sehr wohl oft ein Big Deal gemacht. Einfach, weil die Chinesen davon ausgehen, dass Fleisch gleichbedeutend mit Energie ist. Und jemand ohne Energie kann unmöglich fleißig sein. Und fleißig sein ist oberstes Gebot im Land der Malocher. Und dass ein großer Kerl wie ich ohne Fleisch auskommt, war vielen sehr suspekt. Irgendwann war ich die Rechtfertigungen und verständnislosen Blicke so leid, dass ich  im Restaurant, einfach Kung Pao Chicken zu meinem Gemüse dazu bestellte. Assimilation und so. Das mit Erdnüssen und Frühlingszwiebeln vermischte Hähnchenfleisch wird mit so viel Chili, Szechuan-Pfeffer und Knoblauch im Wok scharf rausgebraten, dass das Fleisch jeglichen Eigengeschmack verliert. Ein akzeptabler Kompromiss für jemand, der Fleischgeschmack per se nicht mag. Eigentlich kann man im Szechuan-Style alles essen, da die Gewürze eine Gaumendisco veranstalten, die alle Geschmacksknospen Rock’n Roll tanzen lassen. So kann man sogar Tofu runterkriegen.

„Du magst kein Fleisch? Wie wäre es mit Schinken?“

Als ich mit Kelly, meiner Shanghaier TCM-Ärztin zum Lunch verabredet war, hatte ich keine Sorgen ob meiner vegetarischen Vorlieben. Kelly würde wissen, was fleischfrei bedeutet. „Wo sollen wir essen gehen“, wollte sie im Vorfeld via WeChat von mir wissen. „Mir egal.“ „Was isst du gerne?“ „Ich esse alles außer Fleisch.“ „Kein Fleisch?“ „Nein, kein Fleisch.“ „Ok, kein Problem. Ich finde was Passendes.“ „Schön, ich vertraue dir.“ „Dann lass uns Schwein essen gehen.“ „Schwein?“ „Ja, Schwein isst du doch, oder?“ „Nein, kein Schwein.“ „Ok, verstehe.“ „Schön, freut mich.“ „Du bist Vegetarier, ja?“ „Ja.“ „Was ist mit Hühnchen? Magst du das?“ „Ähm, nein, wie gesagt, kein Fleisch.“ „Ach, wirklich, auch kein Hühnchen?“ „Nein, auch kein Hühnchen.“ Kelly ist studierte TCM-Ärztin in einer Shanghaier Klinik und in dem französischen Bistro, in dem wir uns schließlich zum Lunch treffen, empfiehlt sie mir die leckeren Schinken-Käse-Toasts.

Kelly @work

TCM – Traditional Chinese Medicine

Seit zwei Wochen lies ich mich von Kelly in einer TCM-Klinik wegen meiner Sinusitis akkupunktieren. Hatte ihr meine Gesundheit anvertraut. Mir sogar ein paar Schröpfgläser gegen meine Chili-bedingte Magenreizung setzen lassen, und ein paar sehr schmerzhafte Nadeln gegen meine Nikotinsucht im Handrücken ertragen, im Glauben, dass Kelly wisse, was sie tue. Das tue ich jetzt nicht mehr. Mit einem Mittagessen hat sie rückwirkend all ihre chinesische Zauberkunst ad absurdum geführt. Dabei hatte ich mich mit ihr verabredet, um etwas mehr über die 2.000 Jahre alte chinesische Heilkunst erfahren. Die Traditionelle Chinesische Medizin, kurz TCM, basiert auf dem philosophischen Konzept der Yin-Yang-Theorie. Im Wesentlichen geht es darum, Ungleichgewichte im Körper zu erkennen und auszugleichen. Dazu bedarf es viel Feingefühl von Seiten des Arztes und viel Geduld von Seiten des Patienten. Neun von zehn Chinesen, mit denen ich zu tun hatte, also zumeist eher modernere Chinesen, hatten solche Dienste nie in Anspruch genommen.

Wenn der Prophet im eigenen Land nichts wert ist.

„Wirklich? Du gehst zum TCM-Doktor? Sind diese Nadeln nicht furchtbar schmerzhaft?“ Ständig wurde ich mir derlei Fragen konfrontiert. Stets erklärte ich ihnen, wie gut TCM wirken würde und wie populär und auch kostspielig solche Anwendungen in Europa seien. In Deutschland zahle ich 80 Euro für eine 20-minütige Sitzung, in Shanghai nur acht. Meine chinesischen Freunde konnten das nicht glauben, zumal man doch wisse, dass chinesische Medizin, wenn überhaupt, doch nur sehr langsam wirke. Westliche Ärzte und Medikamente seien noch viel schneller und effektiver. Wer hätte denn schon Zeit sich wochenlang mit irgendwelchen lahmen Therapien rumzuschlagen, wo doch Zeit quasi Geld sei.

Der Prophet ist im eigenen Land anscheinend nichts wert. Zumindest beim erfolgreichen jungen Chinesen. Denn natürlich sind die TCM-Praxen alle gut besucht. Aber man trifft vornehmlich alte oder weniger gutsituierte Menschen an. Und von denen wiederum trauen sich auch nur wenige an die Akkupunktur. Weswegen ein Ausländer, wie ich, dort durchaus auffällt und auch gerne ein paar Zuschauer bei seiner Behandlung ertragen muss. Schaut euch die Langnase an. Wie krank muss der sein, dass er sich hier Nadeln setzen lässt. Kelly war sehr glücklich, dass sie an mir herum stechen durfte.

Akkupunktur? Was soll das bringen?

„Akkupunktur ist zwar über 1000 Jahre alt, aber trotzdem hierzulande nicht sehr populär. Früher hat man mit spitzen Steinen gearbeitet, was sehr schmerzvoll war. Die heutigen Nadeln tun überhaupt nicht weh, aber viele wissen das gar nicht und ziehen solch eine Behandlung deswegen nicht in Erwägung. Ich denke manchmal, dass die Akzeptanz im Rest der Welt größer ist als bei uns.“ Trotzdem ist die, aus Hangzhou stammende, Ärztin, von ihrer Heilkunde überzeugt.

Als Kelly nach fünf Studienjahren kurz vorm Bachelor steht, erkrankt der Vater. Keiner kann dem erschöpften Mann helfen. Keiner weiß, was ihm fehlt. Da setzt ihm Kelly ein paar Nadeln. Sie hatte am Rande ihres Studiums ein paar Akkupunktur-Seminare besucht. Ihre Nadeln zeigen Wirkung und der Vater wird wieder gesund. „Das war so ein schönes Erfolgserlebnis, da wusste ich, dass ich mich auf Akkupunktur spezialisieren würde.“ Kelly studiert drei weitere Jahre die Kunst der Akkupunktur und arbeitet danach zwei Jahre als Praktikantin in einer TCM-Klinik. Nach zehn Jahren ist Kelly schließlich eine zertifizierte TCM-Akkupunkteurin und kennt sich mit Meridianen, Körper, Geist und Seele aus. Aber dass Schinken kein Gemüse ist, das weiß sie nicht.

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